Bauwerke könnten umbenannt werden

Debatte um Auszeichnungen NS-belasteter Alt-Oberbürgermeister

Diese Ehrungen stehen zur Diskussion: Die im Rathaus aufgestellte Büste von Alt-Oberbürgermeister Karl Branner und die nach ihm benannte Seitenhalle des Rathauses, die Karl-Branner-Brücke über die Fulda und das Willi-Seidel-Jugendhaus. Fotos: Koch, Archiv

Kassel. 300 Zuhörer kamen ins Rathaus, um sich anzuhören, was die von der Stadt beauftragten Historiker über die NS-Vergangenheit der früheren SPD-Oberbürgermeister Karl Branner, Willi Seidel und Lauritz Lauritzen zu berichten hatten.

Die Forscher stellten gleich zu Beginn resümierend fest, dass vor allem die Biografien von Branner und Seidel stark vom Gedankengut der Nationalsozialisten geprägt waren. Der Historiker Dietfrid Krause-Vilmar ließ schließlich durchblicken, dass er die Ehrungen der Persönlichkeiten für nicht angemessen hält.

Lexikonwissen:

-Karl Branner

-Lauritz Lauritzen

-Willi Seidel

Zuvor hatte die Hauptautorin der Studie, die Historikerin Sabine Schneider von der Uni Marburg ausgeführt, wie alle drei Männer ihre NS-Vergangenheit nach dem Krieg zu ihren Gunsten geschönt hatten. Sie sprach von „konstruierten Vergangenheiten“.

Branners 1937 an der Uni Göttingen verfasste Doktorarbeit diskriminiere die Juden und befürworte die Pläne der Nazis, diese finanziell zu ruinieren, sagte Schneider. Krause-Vilmar ergänzte, dass Branner seine „völkisch und nationalsozialistisch durchtränkte“ Arbeit keineswegs von seinem stramm rechten Doktorvater aufgezwungen bekam.

Bei Seidel wurde vor allem sein Mitwirken in der Stadtverwaltung an der Vertreibung der Juden aus ihren Häusern kritisch beleuchtet. Zudem habe er in seiner Funktion als erster Nachkriegsoberbürgermeister gefordert, auch Juden und andere Nazi-Opfer zu Arbeitsdiensten in der zerstörten Stadt heranzuziehen. Selbst als aus dem Hessischen Staatsministerium der Hinweis kam, dass dies nur in Nazi-Kreisen verstanden würde, ließ er sich nicht beirren.

Der Mitautor Jens Flemming (Uni Kassel) räumte mit der Legende auf, nach der es unter den späteren Linken keine Nazis gegeben habe. Dies stimme so nicht und darüber müsse eine Diskussion geführt werden.

Krause-Vilmar gab zum Abschluss der etwa zweistündigen Veranstaltung den dezenten, aber unmissverständlichen Hinweis, welche Schlüsse er aus der Studie zieht. Er stellte die Frage, warum etwa Nazi-Opfer und Widerstandskämpfer geehrt werden? Seine Antwort: „Weil sie persönlich glaubwürdig geblieben sind und moralisch überzeugend waren.“ Diese Zuschreibungen ließen sich in den vorgestellten Biografien von Branner, Seidel und Lauritzen nicht wiederfinden.

Als erste Reaktion hat die Stadt die Lebensläufe der ehemaligen Oberbürgermeister von ihrer Internetseite genommen, um sie zu überarbeiten. In den nächsten Wochen will Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) mit den Vorsitzenden aller Fraktionen über mögliche Aberkennungen von Ehrungen sprechen. Grüne, FDP und die Fraktion „Demokratie erneuern/ Freie Wähler“ hatten sich bereits für Umbenennungen ausgesprochen.

• Die Studie ist unter dem Titel „Vergangenheiten“ im Schüren-Verlag (19,90 Euro) erschienen.

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