Kasseler über das Massaker bei Oslo: Fast jeder kennt einen Betroffenen

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Sebastian Brück.

Kassel/Oslo. „Es fühlt sich ein bisschen so an, als ob Norwegen am Freitag seine Unschuld verloren hat“, sagt Sebastian Brück. Der gebürtige Kasseler, Sohn des Ex-Fußballers und KSV-Urgesteins Holger Brück, lebt seit fast fünf Jahren in dem skandinavischen Land, das am Freitag tief erschüttert wurde.

Bei Anschlägen auf ein Zeltlager auf der Insel Utøya und auf das Regierungsviertel in Oslo hatte es mindestens 92 Tote gegeben. „Das Land steht unter Schock“, berichtet der 33-Jährige am Telefon. Ganz Norwegen sei lahm gelegt. Die Läden sind geschlossen, der Spieltag in der norwegischen Fußballliga abgesagt, im Fernsehen laufen auf allen Sendern Bilder des entsetzlichen Massakers. Auch er verfolge das Geschehen am TV-Bildschirm, vor allem aber im Internet.

Das weltweite Netz war es auch, das ihm das schreckliche Attentat am Freitag ganz nahe brachte: „Ein Bekannter war im Camp auf der Insel und hat währenddessen getwittert“, erzählt Sebastian Brück – die Welt informiert, während um ihn herum junge Menschen starben.

Fast jeder kenne in dem nur knapp fünf Millionen Einwohner zählenden Land jemanden, der persönlich von den Anschlägen betroffen ist, sagt Brück. Die Ereignisse haben auch den gebürtigen Nordhessen bestürzt. Im ländlichen Voss, 100 Kilometer östlich von Bergen gelegen, wo er seit April als Geschäftsführer eines Fallschirmspringerzentrums arbeitet, fühlt er sich sicher. Sein alter Arbeitsplatz hingegen, das Fitnessstudio, das er noch vor wenigen Monaten leitete, liegt ganz nah am Osloer Regierungsviertel. „Vielleicht 500 Meter entfernt von der Bombenexplosion“, schätzt Brück.

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Über das soziale Netzwerk Facebook hält der 33-Jährige Kontakt mit seinen norwegischen und deutschen Freunden. Und auch seine Familie in Kassel habe er informiert, dass bei ihm persönlich alles in Ordnung ist. In seiner Wahlheimat aber, die er seit seinem Auslandssemester als Student der Sportökonomie kennen und lieben gelernt hat, und in der er seit 2006 seine Zelte aufgeschlagen hat, ist seit vergangenem Freitag alles aus den Fugen geraten.

Schockierend sei für die meisten, dass es sich bei dem Attentäter um jemanden aus den eigenen Reihen handele. Norwegen sei bekannt für seine Friedfertigkeit und Offenheit: „Polizisten sind hier in der Regel unbewaffnet, und auf dem Land schließt kaum einer seine Haustür ab“, beschreibt Sebastian Brück die bislang so typische Sorglosigkeit und Idylle. Am Wochenende aber dominierte das Militär die Metropole. „Das ganze Land ist im Ausnahmezustand.“

Von Anja Berens

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