Dekan beschwor Zivilcourage und kritisierte AfD

Gedenkgottesdienst in Kassel für Regierungspräsident: „Lübcke zeigte Haltung“

Würdiges Gedenken: Die Platzzahl beim Gottesdienst für Walter Lübcke in der Elisabethkirche war wegen Corona begrenzt worden. 
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Würdiges Gedenken: Die Platzzahl beim Gottesdienst für Walter Lübcke in der Elisabethkirche war wegen Corona begrenzt worden. 

Am Donnerstag fand in der Elisabethkirche Kassel ein Gedenkgottesdienst für Walter Lübcke statt. Der Regierungspräsident von Kassel wurde vor einem Jahr ermordet.

Kassel - In den Stuhlreihen der Kasseler Elisabethkirche klafften am Donnerstagabend große Lücken. Daran waren Corona und die damit verbundenen Abstandsgebote Schuld. Große Lücken hat aber auch der gewaltsame Tod von Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke vor einem Jahr gerissen.

Dass diese nicht nur im Familien- und Bekanntenkreis entstanden sind, sondern auch in der Gesellschaft, das wurde auch im ökumenischen Gedenkgottesdienst deutlich. Es sollte ein sehr politischer Gottesdienst werden, der auf Initiative des Bündnisses gegen Rechts Kassel stattfand.

80 Menschen hatten die Gelegenheit, dem Gottesdienst zu folgen. Unter den angemeldeten Gästen waren viele Politiker, Weggefährten und Persönlichkeiten der Stadtgesellschaft. Auch die Frau von Walter Lübcke und seine Familie nahmen in der ersten Reihe Platz, baten aber alle Anwesenden um die Wahrung der Privatsphäre.

Durchbrochen von der schlichten Schönheit des Orgel- und Oboenspiels von Regionalkantor Thomas Pieper und Judith Gerdes, sprachen Pastoralreferent Stefan Ahr von der Katholischen Kirche und Dekan Gernot Gerlach zur Gemeinde.

Mit Gerlach, der bis vergangenes Jahr in Lübckes Kirchenkreis in Wolfhagen aktiv war, predigte jemand, der den Politiker gut kannte. „Lübcke fehlt“, sagte er und er könne noch immer nicht begreifen, was an dem Samstag vor einem Jahr geschehen sei. Zunächst habe er selbst nicht glauben können, dass eine der vielen Morddrohungen, die Lübcke aus dem rechten Spektrum erhalten hatte, Realität geworden war.

In seiner Predigt ging Gerlach etwa auf ein Treffen mit Lübcke bei der Kreissynode ein. Bei der Gelegenheit habe der Politiker ganz spontan von den Anfeindungen gegen ihn aus dem Netz berichtet. „Was für ein brauner Sumpf tut sich da vor uns auf, mitten in unserer bunten Gesellschaft“, fragte Gerlach in der Elisabethkirche. In diesem Zusammenhang ließ er auch die AfD nicht unerwähnt, die das gesellschaftliche Klima vergifte.

Immer wieder beschwor der Dekan die Zivilcourage. Lübcke habe gewusst, dass man für Werte und Freiheit kämpfen muss. „Als Waldecker Protestant hat er unerschrocken Haltung gezeigt“, sagte Gerlach. Und an die Gemeinde gerichtet lautete sein Appell: Abwarten und Zuschauen seien keine christlichen Werte. Schließlich bat er um den „Geist der Wahrheit“. So möge der anstehende Gerichtsprozess auch die strukturellen Hintergründe der Tat erhellen.

Ein Zitat aus Psalm 25, der von der Gemeinde gemeinsam gelesen wurde, passte besonders gut zur Stimmung, die Lübcke vor seinem Tod entgegengeschlagen war: „Sieh meine Feinde an, wie viele sie sind, mit gewalttätigem Hass hassen sie mich.“

Vor einem Jahr wurde der Regierungspräsident von Kassel, Walter Lübcke, erschossen. Der anstehende Prozess wird aufgrund der Corona-Krise unter besonderen Bedingungen abgehalten.

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