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Gedenkspur führt vom Schulhof zum Bahnhof

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Von: Christina Hein

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Von der Arnold-Bode-Schule aus soll die Gedenkspur bis zum Bahnhof führen. Hier tragen die Lehrer Steffen Wichert, Tobias Platz, Jens Kroll, Thomas Hofer (von links) die Schablonenschrift „Theresienstadt 7.9.1942“ auf.
Von der Arnold-Bode-Schule aus soll die Gedenkspur bis zum Bahnhof führen. Hier tragen die Lehrer Steffen Wichert, Tobias Platz, Jens Kroll, Thomas Hofer (von links) die Schablonenschrift „Theresienstadt 7.9.1942“ auf. © Christina Hein

Der Verein Stolpersteine in Kassel erinnert zusammen mit der Arnold-Bode-Schule mit Gedenkaktion an die Deportation von Juden vor 80 Jahren.

Kassel – In seiner Schlichtheit extrem bewegend und intensiv trug der Musiker Bene Schuba auf dem Schulhof der Arnold-Bode-Schule sein eigens für die Gedenkaktion komponiertes Stück für Schlagzeug vor: 752 rhythmisierte Trommelschläge in unterschiedlicher Lautstärke. Jeder Schlag steht für einen jüdischen Menschen, der vor 80 Jahren von Kassel aus in das KZ Theresienstadt und damit in den Tod deportiert wurde.

Der Kasseler Künstler Bene Schuba hat ein eindrückliches akustisches Gedenkwerk für Schlagzeug komponiert.
Der Kasseler Künstler Bene Schuba hat ein eindrückliches akustisches Gedenkwerk für Schlagzeug komponiert. © Hein, Christina

Für den Jahrestag hat sich der Verein Stolpersteine in Kassel mit der Schulgemeinde der Bode-Schule eine besondere Aktion ausgedacht, die gestern ihren Anfang nahm und über Jahre und weitere Schülergenerationen hinweg fortgesetzt und gepflegt werden soll: Vom Schulhof ausgehend wird eine blaue Farbspur auf den Straßenbelag bis zum Hauptbahnhof aufgetragen. Sie beschreibt den Weg, den die 752 Juden aus Kassel auf ihrer Deportation nach Theresienstadt gegangen sind. Es waren ihre letzten Schritte, ihre letzten Blicke, die sie auf ihrer Heimatstadt Kassel warfen. Bis jetzt ist diese Spur, die später noch von den mit Schablonen aufgetragenen Namen der insgesamt 2500 aus Kassel Deportierten begleitet sein wird, erst 185 Meter lang und endet noch auf der Schillerstraße. Es ist eine Gedenkaktion „in progress“. „Wir wollen das Gedenken aktiv wachhalten“, sagte der stellvertretende Schulleiter Matthias Enkemeier vor Hunderten von Schülerinnen, Schülern und Gästen. Die Fachoberschule für Gestaltung am Standort der ehemaligen Bürgerschulen in der Schillerstraße nimmt ihr dunkles historisches Erbe aktiv an. Die nicht mehr existierende Turnhalle auf dem Schulgelände hatte der NS-Administration als Sammellager für nordhessische Juden gedient. Nach einer dort verbrachten Nacht ging es zum Bahnhof und zur Deportation in die Konzentrationslager.

„Es ist unvorstellbar, aber es ist passiert“, sagte Norbert Sprafke, der Vorsitzende des Stolperstein-Vereins in seiner Ansprache zum Projekt „Stolperspuren“. Vorgesehen ist, dass Stolperstein-Initiator Gunter Demnig an den Straßenkreuzungen der blauen Spur sogenannte Stolperschwellen beiträgt.

Sprafke zeichnete von der „Nacht vor der Hölle“ ein verstörendes Bild: Die Menschen – vom Säugling bis zum Greis – kamen in Wintermänteln, mit Handgepäck, das ihnen später auf der Bahnhofsrampe ebenso wie alle Papiere und Lebensmittel abgenommen wurde. Eingepfercht in der von bewaffneten Nazis bewachten Turnhalle müssen sie eine qualvolle Angst gehabt haben. „Gab es Anwohner, die hinter den Gardinen geguckt haben? Wir wissen es nicht“, so Sprafke: „Sorgt dafür, dass so was nie wieder passiert!“, richtete er sich zum Schluss an die Schülerinnen und Schüler.

Hintergrund

Von Kassel aus, vom Sammellager in der Turnhalle der Bürgerschulen an der Schillerstraße, gingen drei Deportationen von insgesamt 2500 Menschen in die Todeslager: am 9. Dezember 1941 in das Ghetto Riga, am 1. Juni 1942 in das KZ Lublin-Majdanek und am 7. September 1942 in das Ghetto Theresienstadt.

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