36-Jähriger muss für fast drei Jahre in Haft

Gefängnisstrafe für drohenden Dealer

Kassel. Nur an einen Satz konnte sich der Mann noch erinnern, doch der hatte sich dafür umso tiefer eingebrannt. „Ich weiß“, habe ihm der Angeklagte am Telefon gesagt, „wo deine Kinder zur Schule gehen.“

Nach dieser unmissverständlichen Drohung wusste sich der 36-Jährige nicht mehr anders zu helfen und ging zur Polizei – obwohl er sich damit auch selbst anschwärzen musste. Denn es ging um Drogengeschäfte: Der Anrufer hatte ihm kiloweise Amphetamin („Speed“) verkauft und wollte jetzt sein Geld eintreiben.

Am Mittwoch wurde der drohende Dealer – ein 36-Jähriger aus Kassel – vom Kasseler Amtsgericht verurteilt. Nach zwei Verhandlungstagen verhängte das Schöffengericht eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren und elf Monaten. Wegen des Drogenhandels, den der Angeklagte offen zugegeben hatte, aber auch wegen der versuchten räuberischen Erpressung, die er bestritten hatte. „Das Gericht“, sagte Richter Klaus Döll, „hat keinen Zweifel, dass der Zeuge die Wahrheit gesagt hat.“

Der Zeuge: Das war jener Kunde (oder eher: Subunternehmer), der dem Kasseler insgesamt vier Kilo Speed abgekauft hatte und ihm dafür am Ende 8000 Euro schuldig geblieben war. Weil er, wie er vor Gericht erklärte, zu viel des Stoffs selbst genommen hatte, statt ihn wie geplant zu verticken.

Fast täglich habe ihn der Angeklagte damals im September 2011 angerufen und sein Geld gefordert. Und dem mit äußerst rüden Drohungen Nachdruck verliehen. „Das hat mich ziemlich fertig gemacht“, erzählte der Zeuge. Vor allem, als es nicht mehr nur um sein Leben gegangen sei, sondern auch um das seiner Ex-Frau und seiner Kinder.

Er selbst hat, nachdem er sich der Polizei daraufhin notgedrungen als Drogendealer offenbart hatte, die Kurve gekriegt. Hat erfolgreich eine Therapie abgeschlossen und Arbeit gefunden. Davon träumt, wie er auf der Anklagebank beteuerte, auch sein Widersacher. Am Stern in Kassel aufgewachsen und von klein auf mit Drogen in Kontakt und mit dem Gesetz in Konflikt, möchte der 36-Jährige das Steuer herumreißen.

Und das Gericht verbaute ihm diese wohl letzte Chance nicht: Weil das Strafmaß gerade eben noch unter drei Jahren blieb, droht dem in der Türkei geborenen, aber seit dem Säuglingsalter in Kassel lebenden Mann nicht die zwingende Abschiebung. Und sobald er seine Strafe so weit verbüßt hat, dass nur noch zwei Jahre übrig sind, kann er versuchen, einen Therapieplatz zu bekommen. Die Vollstreckung der Reststrafe würde dann zurückgestellt.

Mit diesem Urteil folgte das Gericht dem Antrag der Verteidigung. Die Staatsanwaltschaft hatte dagegen drei Jahre und neun Monate Haft verlangt – auch weil der Mann nicht wie versprochen seine Lieferanten und Hintermänner verraten hatte. (jft)

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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