Therapie bei Vitos

Diese Frau aus Ahnatal lernt, mit ihren Schmerzen zu leben

Margarethe Bebber aus Ahnatal steht vor dem Eingang des Schmerzzentrums der Vitos Orthopädischen Klinik in Kassel.
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Im Kasseler Schmerzzentrum: Margarethe Bebber macht derzeit eine Therapie bei Vitos.

Margarethe Bebber leidet seit 40 Jahren unter massiven Rückenproblemen. Nun lernt sie mithilfe einer speziellen Therapie, mit ihren Schmerzen besser zu leben.

Kassel/Ahnatal – Puh. Anstrengend. Vorsichtig steigt Margarethe Bebber die Treppen in der Vitos Orthopädischen Klinik hinab. Langsam, aber es geht. Vor wenigen Wochen hätte die Ahnatalerin die Stufen nicht meistern können. Die 60-Jährige leidet an einer angeborenen Wirbelsäulen-Erkrankung – Wirbelgleiten nennt die sich. Jahrzehntelang kämpft sie dagegen an.

Ist gefangen in einem Teufelskreis aus Schmerz. Seit Mitte Mai ist sie in Bad Wilhelmshöhe im Kasseler Schmerzzentrum in Behandlung und lernt, mit ihrer Krankheit besser zu leben.

Für die zweifache Mutter und Großmutter ist es ein Bedürfnis, ihre Geschichte zu erzählen. Auch, um anderen Mut zu machen. Als Bebber 20 Jahre alt ist, bekommt sie die Diagnose. Zu diesem Zeitpunkt wachsen die Probleme im Lendenwirbelbereich stetig an. Sie spricht von stechenden Schmerzen, „die mich komplett ausgeknockt haben“. Unfähig, sich zu bewegen, kann sie nur noch liegen. Befunde nach dem Röntgen machen klar: Es muss etwas getan werden. Rückenschule, Gymnastik, Schwimmen – das ganze Programm.

Und es bringt etwas. Zunächst. Die junge Frau bekommt zwei Kinder, geht ihrem Job am Empfang eines Bürohauses nach. „Irgendwie habe ich den Alltag gemeistert“, berichtet sie rückblickend. Wenn sie von Schmerzattacken heimgesucht wird, nimmt sie Tabletten, nach wenigen Tagen rappelt sie sich wieder auf. Sie erfährt Unterstützung von ihrem Ehemann und von den Kindern. Richtig gut geht es ihr aber trotzdem nicht.

Die Familie zeigt Verständnis, dass die Ehefrau und Mama bei vielen alltäglichen Unternehmungen außen vor ist – Radfahren, Kino, Kegeln etwa fallen für Bebber flach. Der Zustand nagt an ihr, macht sie fertig. Sie empfindet Hilflosigkeit, Ohnmacht und Verzweiflung. „Es gab Phasen, da hatte ich keine Kraft mehr, vor allem psychisch“, sagt sie. Antriebslosigkeit und Traurigkeit ergreifen von ihr Besitz. Alle seien unterwegs gewesen, doch sie muss ihre Situation ertragen.

Erschwerend kommt hinzu, dass das Leiden ihr meist nicht anzumerken ist. Jammern will sie nicht. Bebber versucht, die Schmerzen zu verstecken. Sie spricht von gesellschaftlichem Druck, auch von fehlendem Mut, offen über ihre Lage zu sprechen. Sie will funktionieren: „Ich war Mitte 40 und dachte: Da kannst du nicht schwächeln. Also nimmst du einfach eine Tablette.“ Schmerzen, Tabletten, Arzt, Physiotherapie, mal kurz auf den Beinen und dann wieder von vorn – das meint sie mit Teufelskreis.

So laviert sie sich durchs Leben. Bis vor zwei Jahren schlagartig über Nacht ihre Rückenprobleme massiv zunehmen. In einem Bein hat sie keine Kraft mehr, es kribbelt und fühlt sich taub an. Die Dosis an Schmerzmitteln wird erhöht, sie bekommt Kortison, aber alles ohne Erfolg. Im Februar 2020 muss eine Zyste im Spinalkanal operativ entfernt werden. Nach dem Eingriff sei sie ganz unten gewesen, wie sie sagt. Es gibt noch schärfere Schmerzpräparate, die sich negativ auf das Herz-Kreislauf-System auswirken. Bebber schläft kaum noch und bekommt obendrein Blutdruckmittel.

Erst nach einem Besuch im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) von Vitos an der Friedrich-Ebert-Straße wird ihr empfohlen, eine multimodale Schmerztherapie zu beginnen. Die macht Bebber nun seit Mitte Mai stationär bei Vitos.

Vier Säulen beinhaltet dieser Ansatz. Mithilfe von Ärzten, Psychologen, Physiotherapeuten und stationärer Pflege geht sie ihr Problem von allen Seiten an. Sie benutzt ein Heftchen, in das sie alle Ratschläge notiert. Bebber spricht von Werkzeugen, die helfen, den Schmerz erträglicher zu machen und um wieder mehr Lebensqualität zu haben. „Ich bestimme nun, wie schlimm mich der Schmerz belastet, und nicht umgekehrt.“

Sie lernt, was sie tun kann. Zum Beispiel, wie sie sich Kälte- und Wärmewickel macht, sie bekommt Physio-Übungen beigebracht, Yoga- und Qi-Gong-Techniken sowie progressive Muskelentspannung (PMR), und sie achtet nun mehr darauf, schöne Dinge zu genießen – und das alles ohne starke Schmerzmittel.

Margarethe Bebber ist dankbar. Die Therapie habe ihr neue Wege aufgezeigt. Zum ersten Mal seit Langem spürt sie so etwas wie Zuversicht. Sie macht Pläne, will unbedingt mal Stand-Up-Paddling ausprobieren. Vor allem aber will sie aus dem Teufelskreis ausbrechen. (Robin Lipke)

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