1. Startseite
  2. Kassel

Geflüchtete Studierende in Not: Drittstaatler aus Ukraine fürchten um Aufenthalt

Erstellt:

Von: Katja Rudolph

Kommentare

Spendenübergabe der Wintershall Dea Stiftung für Demokratie und Vielfalt an den ASTA der Universität Kassel, (von links) Maurice Moneke (ASTA), Salma Ghnimi, Neele Hannah Weller (ASTA), Nwabude Chidubem Emmanuel, Maurice Ugunna, Michael Sasse (Wintershall Dea), Afor Daniel Chiedozie, Valentine Chibuege Ugorsi, Akonye Joseph Chidubem, Concetta Mugavero (Studierendenwerk), Julia Thonfeld (Studierendenwerk), Ogunsusi Ayodeji Franklin
30.000 Euro von Wintershall für eine Perspektive für internationale Studierende aus der Ukraine: Das Bild entstand auf dem Kasseler Unicampus mit Vertretern von Asta, Studierendenwerk sowie internationalen Studierenden aus Kassel und Stipendiaten der Wintershall-Stiftung aus Hamburg. © Harry Soremski

Sie sind wie viele Menschen aus der Ukraine geflohen, stehen nun aber vor hohen Hürden, um in Deutschland Schutz zu bekommen: Internationale Studierende aus Drittstaaten müssen viel Geld aufbringen, um hier weiterstudieren zu dürfen.

Kassel – Der russische Angriffskrieg in der Ukraine hat mehr als 7700 Menschen Zuflucht in Stadt und Kreis Kassel suchen lassen. Darunter sind nicht nur ukrainische Staatsangehörige. All jene Geflüchteten aus Drittstaaten, die kein dauerhaftes Bleiberecht in der Ukraine vorweisen können, haben jedoch eine unsichere Aufenthaltsperspektive in Deutschland.

Das betrifft auch eine Gruppe von geflüchteten Studierenden verschiedener Herkunftsländer, die in der Ukraine studiert haben. Sie würden ihr Studium nun gern an der Universität Kassel fortsetzen. Die Hochschule hat sie auch als Austauschstudierende aufgenommen. Um ein reguläres Studium mit gesichertem Aufenthalt aufzunehmen, gibt es jedoch hohe Hürden.

Zwar besteht die Möglichkeit, ein sogenanntes Studentenvisum zu beantragen. Doch dafür müssen ausländische Studienanwärter zur Sicherung ihres Lebensunterhalts in der Regel mehr als 10 000 Euro auf einem Sperrkonto nachweisen. Eine Summe, die die aus der Ukraine geflüchteten ausländischen Studierenden nicht selbst aufbringen können.

Der Asta unterstützt seit März eine Gruppe von rund 20 jungen Männern und Frauen, die deshalb in großer Sorge sind, in ihre Herkunftsländer zurückgehen zu müssen. „Wir setzen uns dafür ein, dass ihre Betroffenheit vom Krieg in der Ukraine gleichermaßen anerkannt wird“, sagt Neele Weller vom Asta. Mit dem Studierendenwerk hat der Asta eine Spendenaktion gestartet. Die Stiftung des Unternehmens Wintershall Dea hat bereits 30 000 Euro bereitgestellt, um den ausländischen Studierenden ein Studium in Kassel zu ermöglichen. Weitere 50 000 Euro sind laut Studierendenwerk nötig, um alle Betroffenen zu unterstützen.

Wie viele Drittstaatler unter den Geflüchteten aus der Ukraine sind, wird bei der Ausländerbehörde der Stadt Kassel nicht gesondert erfasst. Sozialdezernentin Ilona Friedrich (SPD) geht von einem einstelligen Prozentbereich aus. Sie betont, dass die Stadt Kassel an die Erlasslage des Landes Hessens gebunden sei. Diese sieht für Drittstaatler aus als sicher eingestuften Herkunftsländern keinen Aufenthaltstitel vor.

Sie freue sich aber, so Friedrich, wenn durch das Engagement von Asta und Studierendenwerk Lösungen für die betroffenen Studierenden gefunden würden. „Es werden in vielen Branchen Fachkräfte gesucht, dafür werden gut ausgebildete Menschen dringend gebraucht.“

Erleichterte Bedingungen für Ukrainer

Für geflüchtete ukrainische Staatsangehörige gilt Paragraf 24 des Aufenthaltsgesetzes. Dieser bietet ihnen vorübergehenden Schutz für zunächst zwei Jahre sowie Zugang zu Sozialleistungen, auch zum BaföG. Auch für Drittstaatler, die in der Ukraine als Flüchtlinge anerkannt waren oder einen dauerhaften Aufenthaltstitel hatten sowie jene, die mit einem ukrainischen Staatsbürger verheiratet sind, gilt diese Regelung.

Betroffene berichten

Zwei Monate noch, dann hätte Cédric seinen Bachelorabschluss in Maschinenbau in der Tasche gehabt. Doch dann kam der 24. Februar, und die russische Armee marschierte in die Ukraine ein. „Ich habe auf einen Schlag alles verloren“, sagt der 23-Jährige aus Algerien, der in Kiew studierte. Wenige Tage nach Kriegsbeginn floh er vor den russischen Bomben – und kam per Bus mit einer Gruppe internationaler Studierender nach Kassel.

Genau ein halbes Jahr ist das her. Doch wie sein Leben weitergeht, ist immer noch ungewiss. Er würde gern in Kassel weiterstudieren. In seiner Heimat, sagt er, könne er sein Studium nicht fortsetzen. Zwar ist er bereits an der Uni Kassel immatrikuliert und lernt Deutsch im Sprachenzentrum. Doch einen Aufenthaltstitel hat er noch nicht. Untergeschlüpft ist Cédric in einer Studenten-WG in Kassel. Er ist dankbar für das kostenlose Zimmer, wie er auf Englisch betont. Wie sich im Gespräch herausstellt, schläft er auf einer Matratze in einer fensterlosen Speisekammer. Auf seinem Handy zeigt der junge Mann seine Kontoauszüge: Genau 50 Cent hat er noch.

Die Situation von Cédric – der wegen seiner unsicheren Bleibeperspektive hier nur mit Vornamen genannt werden will – steht beispielhaft für die vieler internationaler Studierender aus der Ukraine. Während ukrainische Staatsangehörigen eine Aufenthaltserlaubnis für zunächst zwei Jahre erteilt wird und sie Zugang zu Sozialleistungen bekommen, haben aus der Ukraine geflüchtete Drittstaatler nur unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch darauf. Das ist etwa der Fall, wenn sie einen dauerhaften Aufenthaltstitel in der Ukraine hatten. Für ausländische Studierende trifft das in der Regel nicht zu.

„Ich verstehe nicht, warum ein Unterschied zwischen ukrainischen und afrikanischen Studierenden gemacht wird“, sagt Cédric. Schließlich seien sie alle vor demselben Krieg geflohen. Er ist Teil einer Gruppe von knapp 20 jungen Männern und Frauen verschiedener Herkunftsländer, die sich an den Asta der Uni Kassel gewendet haben. Dort bekommen sie Unterstützung von einem studentischen Team um Neele Weller und Maurice Moneke.

Gemeinsam mit dem Studierendenwerk ist nun eine Spendenaktion angelaufen. Denn um hier ein Studentenvisum beantragen zu können, das zugleich ihren Aufenthalt sichert, müssten die geflüchteten Studierenden mehr als 10 000 Euro auf einem Sperrkonto vorweisen. Doch selbst die Studierenden, die hier schon Jobs gefunden hätten, könnten kaum etwas zur Seite legen, da sie das meiste bereits für das tägliche Leben benötigen, weiß Concetta Mugavero von der Sozialberatung des Studierendenwerks. Anspruch auf Bafög oder Sozialleistungen haben die geflüchteten internationalen Studierenden nicht – ukrainische Staatsangehörige allerdings schon.

Diese Ungerechtigkeit will der Asta nicht hinnehmen. „Internationalen Studierenden, die vor dem Krieg geflohen sind, müssen die gleichen Grundbedingungen zur Verfügung gestellt werden wie ukrainischen Studierenden“, fordert Maurice Moneke. Man könne regelrecht dabei zusehen, wie die Unsicherheit und die bürokratischen Hürden den Betroffenen Hoffnung und Lebensfreude nehmen, sagt er.

„Ich weine jeden Tag“, erzählt Emmanuel aus Nigeria „manchmal mit Tränen, manchmal im Innern.“ Keiner von ihnen erwarte Geld oder eine große Wohnung, sagt der 31-Jährige. „Wir wollen nur studieren dürfen.“

Mehr Infos und das Spendenkonto unter: students-for-students-kassel.jimdosite.com

Auch interessant

Kommentare