Festakt im Opernhaus

Gegen die Schere im Kopf: Verleihung des Kasseler Bürgerpreises „Glas der Vernunft“ an Reporter ohne Grenzen

Preisverleihung: (von links) Wilfried Sommer vom Bürgerpreis-Verein, Michael Rediske von „Reporter ohne Grenzen“ sowie Barbara Ettinger-Brinckmann und Vorsitzender Bernd Leifeld, beide vom Trägervereins-Vorstand. 
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Preisverleihung: (von links) Wilfried Sommer vom Bürgerpreis-Verein, Michael Rediske von „Reporter ohne Grenzen“ sowie Barbara Ettinger-Brinckmann und Vorsitzender Bernd Leifeld, beide vom Trägervereins-Vorstand. 

„Pressefreiheit muss immer wieder neu erkämpft werden“, sagte die ZDF-Reporterin Katrin Eigendorf bei der Kasseler Bürgerpreis-Verleihung an „Reporter ohne Grenzen“.

Kassel – In Afghanistan fürchten aktuell Hunderte Medienschaffende um ihr Leben, in Deutschland werden Journalisten bei Corona-Demos tätlich attackiert: Als sich die Stifter des Kasseler Bürgerpreises „Glas der Vernunft“ schon Anfang 2020 für die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ als Preisträger entschieden, konnten sie noch nicht wissen, wie dringlich und aktuell dieses Signal werden sollte.

„Täglich kommen dafür neue Fakten und Argumente hinzu“, sagte Trägervereins-Chef Bernd Leifeld am Sonntag (3.10.2021) im Kasseler Opernhaus, wo die im Vorjahr pandemiebedingt ausgefallene Preisverleihung nun mit 450 Gästen nachgeholt wurde.

Wie es ist, um in Kabul eingeschlossene Pressekollegen zu bangen, wusste in ihrer Laudatio die ZDF-Auslandsreporterin Katrin Eigendorf aus erster Hand zu berichten. Und auch, wie ihr selbst nach ihren Reportagen zur Ukraine-Krise 2014 im Netz „ein Hass entgegenschlug, wie ich ihn noch nicht erlebt habe“.

Man täusche sich aber nicht: „Die Länder, die für Journalisten weltweit am gefährlichsten sind, sind keine Kriegsgebiete.“ Auch in formalen Demokratien liefen Berichterstatter Gefahr, ernste Probleme zu bekommen oder gar von der Bildfläche zu verschwinden, wenn sie über Themen wie Korruption oder Bürgerproteste berichten.

Da müsse man nicht nur an Autokraten wie Lukaschenko, Bolsonaro oder Saudi-Prinz Mohammed bin Salman denken, machte die ZDF-Frau klar. Dass selbst in der größten Demokratie, den USA, Trumps Fake-News-Anwürfe gegen Journalisten als „Feinde des Volkes“ salonfähig geworden seien, nennt die Reporterin einen Paradigmenwechsel. Weltweit, auch befeuert durch Shitstorms und Desinformationskampagnen, würden die professionellen Medien „mit Vorwürfen konfrontiert, die unser Selbstverständnis und unsere Integrität fundamental infrage stellen“. Wo immer mehr Menschen das Vertrauen in kritischen Journalismus verlören, drohe nicht nur gesellschaftliche Spaltung, sondern auch die Selbstzensur-Schere im Kopf, um nur keinen Shitstorm auszulösen.

Pressefreiheit sei kein unantastbares Privileg, „sie muss immer wieder neu erkämpft werden“, sagte Eigendorf. Dafür brauche es starke Fürsprecher – wie die Reporter ohne Grenzen, die Zensur und Überwachung der Medien anprangern, die Geschichte von Repressionsopfern erzählen und für diese einstehen. Und wie das „vorbildliche Bürgerengagement“ aus Kassel, das mit dem Preis Aufmerksamkeit für die Problematik schaffe.

Sie redeten beim Festakt: Juristin Angelika Nußberger (links) und ZDF-Auslandsreporterin Katrin Eigendorf.

„Meinungsfreiheit braucht man nicht für Meinungen, die man gerne hört“, gab Angelika Nußberger zu bedenken. Die Kölner Professorin war von 2017 bis ’19 Vizepräsidentin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Aus dieser Praxis machte sie in ihrer Festrede klar, wie komplex die juristische Abwägung zwischen geschützter Meinungsfreiheit und anderen Rechtsgütern ist.

Auch für Journalisten habe das je nach kulturellem Hintergrund vor Ort oft ernste Konsequenzen: „Wer im falschen Land die falsche Version der Geschichte erzählt, wird strafrechtlich verfolgt.“ Hier helfe die Dokumentations- und Aufklärungsarbeit der Reporter ohne Grenzen, die nach klaren, einheitlichen Standards international für die Meinungs- und Informationsfreiheit einstehen.

Für die deutsche Sektion von „Reporter ohne Grenzen“ nahm deren Vorstandssprecher Michael Rediske die Kasseler Auszeichnung entgegen – und widmete sie den aktuell weltweit rund 460 inhaftierten Journalisten, Whistleblowern und Bloggern. „Sie sind unsere Helden der Pressefreiheit“, sagte Rediske.

Die Geschichte des Kasseler Bürgerpreises „Glas der Vernunft“

Der Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ wird seit dem Jahr 1991 jährlich an Politiker, Wissenschaftler, Künstler und Aktivisten verliehen, die sich um Vernunft und Toleranz als Ideale der Aufklärung verdient gemacht haben. Anlass der Stiftung war die deutsche Wiedervereinigung gewesen. Verliehen wird der Preis, der aus 10.000 Euro sowie einem vom Kasseler Künstler Karl Oskar Blase gestalteten Glasprisma besteht, von der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Kasseler Bürgerpreises. Als einer der Mitgründer hatte der Kasseler Mediziner Prof. Dr. Hansjörg Melchior diese Gesellschaft 25 Jahre lang geleitet, bis er den Vorsitz im Jahr 2015 an den früheren documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld weitergab.

Erster Preisträger war 1991 der FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher gewesen. Zu den weiteren Geehrten gehören beispielsweise der tschechische Schriftsteller Pavel Kohout, die israelische Politikerin Lea Rabin, der chinesische Künstler Ai Weiwei, der Philosoph Jürgen Habermas, die Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali und in Abwesenheit der Whistleblower Edward Snowden. (Von Axel Schwarz)

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