Forderung betrifft 180 Sportvereine

Gegen sexuellen Missbrauch: Jugendamt fordert von Kasseler Sportvereinen Nachweise

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Schutz vor sexuellen Übergriffen: Mit der Vorlage von Führungszeugnissen sollen Übungsleiter in Sportvereinen ihre Unbescholtenheit belegen.

Kassel. Es ist ein sensibles Thema, das derzeit für Ärger zwischen den Kasseler Sportvereinen und dem Jugendamt sorgt:

Das Jugendamt fordert von allen 180 Sportvereinen, dass diese für ihre Übungsleiter alle vier Jahre ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Damit soll der Schutz vor sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche gestärkt werden. Viele der Vereine halten das Vorgehen des Jugendamtes für überzogen und nicht zielführend.

Der Streit rumort schon länger. Bei einer ersten Veranstaltung im November 2016 waren 40 Vereine vom Jugendamt eingeladen worden. Ihnen wurde ein Vertrag vorgelegt, mit dem sie sich freiwillig dazu verpflichten sollten, entsprechende Nachweise von jedem ihrer Übungsleiter ab einem Alter von 14 Jahren einzufordern. Dabei beruft sich die Stadt auf das 2012 neu gefasste Bundeskinderschutzgesetz, das die Jugendämter auffordert, mit den Vereinen derartige Regelungen zu treffen.

Zu der Veranstaltung im November seien von 40 geladenen nur 15 Vereine erschienen – und nur ein einziger Verein habe den Vertrag unterzeichnet, sagt Thomas Reuting, Leiter der Abteilung Kinder- und Jugendförderung im Jugendamt.

Eine, die bei der Veranstaltung anwesend war, ist Christiane Nickel, stellvertretende Vorsitzende der TG Wehlheiden. „Natürlich ist auch uns das Wohl der Kinder wichtig. Aber diese Regelung erschien allen Anwesenden überzogen“, sagt Nickel. Bereits jetzt müsse jeder Übungsleiter den Ehrenkodex des Landessportbundes unterschreiben. Ein erweitertes Führungszeugnis alle vier Jahre zu fordern, sei mit einem hohen Verwaltungsaufwand verbunden.

Zudem seien die Vereine vom Jugendamt überrumpelt worden: „Statt den Dialog zu suchen, haben die uns die Verträge vorgelegt und es wurde angedeutet, wer nicht unterschreibt, der erhalte keine Fördermittel“, sagt Nickel.

Ähnlich sieht es der Vorstand der Kasseler Sportvereinigung Auedamm: „Alle Übungsleiter werden unter Generalverdacht gestellt“, sagt Pressewart Ingo Stegner. Vereinsarbeit sei Ehrenamt und es sei langjährigen Übungsleitern schwer vermittelbar, warum nun Führungszeugnisse notwendig seien.

„Wer sich verweigert, steht für uns nicht mehr zur Verfügung“, sagt Stegner. Dabei hätten manche sicher ein Problem damit, wenn der Vereinsvorsitzende aus dem Führungszeugnis erfahre, dass der Übungsleiter vor einigen Jahren wegen Delikten verurteilt wurde, die nichts mit sexuellen Übergriffen zu tun hätten.

Reuting vom Jugendamt kennt die Bedenken und Ängste der Vereine und will nochmal mit ihnen das Gespräch suchen. In sämtlichen Vereinen, die vom Jugendamt gefördert werden (Jugendfeuerwehren, evangelische Jugend, Jugendtreffs), seien diese Verträge bereits Pflicht. Die Führungszeugnisse, die für Ehrenamtliche kostenlos ausgestellt würden, seien aber nur ein Teil: „Wir wollen mit den Sportvereinen ein Konzept entwickeln. Nur zu sagen, ich kenne meine Leute und da passiert schon nichts, reicht nicht aus.“ 

Auch andere Vereine, die wir angerufen haben (SVH Kassel und TSG Niederzwehren), halten wenig von der geplanten Regelung. Sie seien aber durch das Jugendamt noch nicht informiert worden.

Beim Deutschen Alpenverein in Kassel müssen Übungsleiter bereits jetzt jährlich ein Führungszeugnis vorlegen.

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