70 alkoholabhängige geistig Behinderte in der Region Kassel - Hilfe durch neues Konzept?

Gegen Sucht fehlt jede Therapie

Jan Röse Archivfoto: Fischer

Kassel. Die Statistik besagt: Acht bis zehn Prozent der deutschen Bevölkerung haben ein massives Alkoholproblem. „Auch wenn wir das nicht so wahrnehmen.

Der gleiche Prozentsatz trifft auf Menschen mit geistiger Behinderung zu“, sagt Jan Röse, der Leiter des Wohnverbunds Diakonie-Wohnstätten. Nach seinen Schätzungen leben in der Region etwa 70 alkoholabhängige Menschen mit geistiger Behinderung. Es handelt sich vor um allem Menschen, die betreut wohnen. „Im stationären Bereich haben wir einen weitaus geringeren Anteil. Da sind es vielleicht zwei Prozent.“ In den Heimen sei die Kontrolle größer und die Möglichkeit, heimlich zu trinken, geringer.

Von den Diakoniewohnstätten werden 175 geistig behinderte Menschen stationär und 90 ambulant betreut. Seit 15 Jahren werde das betreute Wohnen ausgebaut. Das Prinzip sei gut und wichtig für die Selbstständigkeit der Betroffenen. Allerdings müsse von den Betreuern sehr genau hingeschaut werden.

Das größte Problem: „Es gibt bundesweit keine Therapie für dieses Klientel“, sagt Röse. Die Frage, wie es nach einer Entgiftung weitergeht, ist ungeklärt. „Wir können nichts anbieten.“ Schicke man die Betroffenen nach der Entgiftung zu einem Therapeuten, geben diese oft wieder auf, weil sie mit den herkömmlichen Therapien nicht weiterkommen.

Praktikum abgebrochen

Einer der Betroffenen ist der 20-jährige Jörg F. (Name geändert). Zuversichtlich hatte der geistig behinderte Mann ein Praktikum im Hauswirtschaftsbereich der Kasseler Werkstatt angetreten. „Er war willig, fleißig und stellte sich geschickt an“, sagt Sozialpädagogin Heike Klöppel. Jörgs Ziel: eine Ausbildung. „Aber schon nach kurzer Zeit fiel uns auf, dass er mit Alkoholfahne zur Arbeit kam“, sagt Klöppel. „Wir sprachen ihn darauf an.“ Sofort sei er einsichtig gewesen. Doch der 20-Jährige bekam seinen Alkoholkonsum nicht in den Griff. Morgens kam er zu spät oder er fiel ganz aus. „Wir merkten: Er packt das nicht. Es war ein einziger Kampf“, sagt Klöppel. Das Praktikum wurde abgebrochen. Zurzeit macht Jörg F. eine Entgiftung im Ludwig-Noll-Krankenhaus. Wie es weitergeht, steht in den Sternen.

Oft nehmen geistig Behinderte die Gefahr einer Alkoholabhängigkeit nicht wahr, sagt Röse. „Die trinken dann abends - vielleicht mit Freunden - eine Kiste Bier und denken sich nichts dabei.“ Gründe, warum geistig Behinderte trinken, sind laut Röse die gleichen wie bei nicht behinderten Menschen: Einsamkeit, Probleme an der Arbeit, mit den Nachbarn, geringes Selbstwertgefühl.

Die Diakonie-Wohnstätten, - ein Unternehmen der Baunataler Diakonie Kassel - haben nun die Initiative ergriffen: Zusammen mit der Suchthilfe des Kasseler Blauen Kreuzes und der Drogenhilfe Nordhessen wollen sie Therapieformen entwickeln. Man brauche ein klares Konzept und individuelle Hilfspläne für die Zeit nach der Entgiftung, sagt Röse. Voraussetzung sei, ebenso wie bei allen anderen Suchtgefährdeten, die Bereitschaft des Betroffenen. „Auch ein geistig Behinderter muss das wollen, sonst geht nichts.“

Von Christina Hein

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.