Häusliche Gewalt - immer mehr Frauen trauen sich, ihre Peiniger anzuzeigen

Die Gegenwehr der Opfer wächst

Kassel. Immer mehr Frauen in Kassel trauen sich, ihre gewalttätigen Partner bei der Polizei anzuzeigen. Das ergibt sich aus der Statistik des Polizeipräsidiums Nordhessen.

Demnach gab es im vergangenen Jahr in Stadt und Landkreis Kassel 599 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt. Das sind 74 Fälle mehr als im Jahr 2008 und entspricht einem Anstieg von 14 Prozent.

Kriminalhauptkommissar Bodo Briewig führt die Zunahme der Fälle nicht darauf zurück, dass die Gewalt unter Paaren angestiegen ist. Der Anstieg sei viel mehr darauf zurückzuführen, dass sich das Bewusstsein in der Gesellschaft innerhalb der letzten Jahre verändert habe. Nachbarn schauten genauer hin und alarmierten die Polizei, die restriktiver vorgehe, und misshandelte Frauen trauten sich mittlerweile eher, Hilfe zu holen.

Hintergrund:
Männern fehlt der Mut

Bei den meisten Opfern häuslicher Gewalt handelt es sich um Frauen, sagt Kriminalhauptkommissar Bodo Briewig. Sie machten 85 Prozent der Fälle oder mehr aus. Bei Polizeihauptkommissar Horst Reuter, der seit Jahren im Polizeiladen an der Wolfsschlucht Beratungen anbietet, ist erst einmal ein Mann aufgetaucht, der von seiner Partnerin misshandelt wurde. „Aber welcher Mann hat schon den Mut, zur Polizei zu gehen und zu sagen, dass er geschlagen und getreten wird?“

Das liege auch daran, dass die Polizei mit der Einführung des Gewaltschutzgesetzes im Jahr 2003 bessere Möglichkeiten habe, gegen die gewalttätigen Partner vorzugehen. In Hessen gibt es „Polizeiliche Handlungsleitlinien zur Bekämpfung häuslicher Gewalt“, nach der die Beamten vorgehen können. Zudem hat die Polizei die Möglichkeit, eine Wegweisungsverfügung gegenüber dem schlagenden Partner auszusprechen. Das bedeutet, dass dieser die gemeinsame Wohnung für 14 Tage verlassen muss. Zudem können die Beamten ein Annäherungsverbot von 100 bis 200 Meter zum Schutz der Frau aussprechen. Erst nach einem gewissen Zeitraum sei eine Schutzanordnung durch ein Gericht erforderlich.

Seit der Einführung des Gewaltschutzgesetzes hätten sich die Möglichkeiten der Polizei deutlich verbessert, den Opfern zu helfen, sagt Sozialarbeiterin Elke Lomb von „Frauen informieren Frauen“. Die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle ermutigen die Klientinnen (im Vorjahr gab es 547 Gespräche), ihre rechtlichen Möglichkeiten wahrzunehmen und Anzeige zu erstatten. Wenn der Trend zur Anzeige auch ansteige, sei es für viele Frauen noch immer unendlich schwer, sich gegen ihre Peiniger zu wehren, sagt Lomb. Die Dunkelziffer sei hoch.

Von häuslicher Gewalt seien alle soziale Schichten, vom Arbeitslosen über den Arbeiter bis zum Akademiker, betroffen, sagt Pädagogin Ute Ochs von der „Kasseler Hilfe“, der Beratungsstelle für Opfer und Zeugen von Straftaten. Sie geht davon aus, dass in 50 Prozent der Fälle Alkohol eine Rolle spiele. Eine „grundsätzliche Sprachlosigkeit“ führe zu Gewalt innerhalb der Partnerschaft. „Wenn die Worte fehlen, wird zugeschlagen“, sagt Ochs.

Die Polizei unterscheidet zwischen psychischer und physischer Gewalt und zwischen den Straftatbeständen Körperverletzung, Vergewaltigung und Freiheitsberaubung. Auch für die Beamten sei es nicht ungefährlich, wenn sie zu solchen Einsätzen gerufen werden, sagt Pressesprecherin Sabine Knöll. Bei häuslicher Gewalt gebe es die meisten Widerstandsdelikte gegen Polizisten. (use)

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