Eine Studie beschäftigt sich mit der Verarbeitung visueller Informationen beim Fechten

Den Gegner durchschauen

Herausforderung für Körper und Geist: In Bruchteilen von Sekunden muss der Fechter auf engstem Raum auf die Angriffe des Gegners reagieren. Foto: dpa

Kassel. Bei wohl kaum einer Sportart kommt es so stark auf Koordinationsvermögen und rasche Auffassungsgabe an wie beim Fechten. Wie beim Schach muss der Fechter die nächsten Schritte des Gegners einschätzen und reagieren - mit dem Unterschied, dass dies in Bruchteilen von Sekunden geschieht. Eine Form der Kommunikation.

Jetzt hat der Arbeitsbereich Psychologie und Gesellschaft des Instituts für Sport und Sportwissenschaft an der Uni Kassel Teilergebnisse eines Projektes vorgestellt, das sich mit der visuellen Informationsaufnahme bei Sportlern beschäftigt. Wie werden visuelle Bewegungsinformationen verarbeitet? Diese Frage stand im Mittelpunkt des zweijährigen Projekts, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit 187 000 Euro gefördert wird. „Wir haben festgestellt, dass Profi-Fechter beim Gegner häufig den Degen und den Schulterbereich fixieren, während Anfänger oft auf die Beine des Gegners achten“, erklärt Norbert Hagemann, Professor für Sportpsychologie am Institut für Sport und Sportwissenschaft.

Drei Gruppen von Probanden nahmen an der Studie teil: Profi-Fechter, Amateure und Studierende der Sportwissenschaft, genannt Novizen. Ihnen spielten die Forscher einzeln Videosequenzen im Labor vor, die eine bestimmte Kampfsituation zeigten.

Beim Anschauen des Videos gewinnt der Proband den Eindruck, als wolle der Fechter auf dem Videoband einen Angriff auf ihn starten. Dabei zeichnete ein Gerät die Blickbewegungen des Betrachters auf. „Die Studie hat unsere These bestätigt, dass die professionellen Fechter besser die Schritte des Gegners voraussagen, als es die Amateure oder die Studenten können“, sagt Hagemann.

Es seien also nicht nur physiologische Vorteile, die Spitzenfechter nutzten, sondern auch die Fähigkeit, die Strategie des Gegners in Sekundenschnelle zu durchschauen. „Beim Fechten arbeitet man viel mit Täuschungen - anders als beispielsweise beim Tennis sind die Gegner auf einem viel engeren Raum miteinander konfrontiert“, erläutert Hagemann.

Wie im Straßenverkehr

Entsprechend kurz sei die Reaktionszeit. Die Erkenntnisse aus der visuellen Informationsverarbeitung ließen sich auch auf andere Lebensbereiche wie den Straßenverkehr übertragen.

Beispielsweise gebe das Projekt Einblicke, wie optische Reize die Aufmerksamkeit steuern, und wie weit die sogenannte visuelle Spannweite reicht – also der Raum, in dem optische Reize wahrgenommen werden. Letzteres dürfte vor allem für Autofahrer bei der Frage nach der Größe des berüchtigten toten Winkels interessant sein.

Von Kristin Dowe

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