Interview zum Jubiläum der Kasseler Johannisloge "Zur Freundschaft"

Freimaurer-Jubiläum: Darum ist der einstige Geheimbund gar nicht gefährlich

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Zirkel, Winkel, Hammer und Kelle: Das sind die Symbole der Freimaurer.

Geheime Rituale und ein Frauenverbot: Zum Jubiläum der Freimaurer erklären zwei Kasseler, was es mit dem sagenumwobenen Bund wirklich auf sich hat.

Am 24. Februar feiert die Kasseler Freimaurer-Johannis-Loge „Zur Freundschaft“ ihr 125-jähriges Bestehen. Wir sprachen mit dem Vorsitzenden Meister des geheimnisumwobenen Bundes in Kassel, Ullrich Wieczorek, sowie Vereinsmitglied, als „Bruder“ bezeichnet, Hilbert Freiherr von Löhneysen.

W as ist das eigentlich, Freimaurerei?

Ullrich Wieczorek: Es geht im Großen und Ganzen allein darum, an sich als Mensch zu arbeiten, sich charakterlich zu verbessern. Dazu verwenden wir Rituale, die unser Denken anregen. Wir halten uns beim Ausüben der Rituale gemeinsam in einem großen Raum auf, in unserem Tempel. Eigentlich ist Freimaurerei nichts anderes als Erwachsenenbildung (lacht), eine Art Volkshochschule.

Was bedeutet es Freimaurer zu sein?

Wieczorek: Es ist die ständige Aufforderung: Arbeite an dir selbst! Unsere über Jahrhunderte gewachsenen Rituale sind Mittel zum Zweck.

Wie muss ich mir diese Rituale vorstellen?

Wieczorek: Vereinfacht: Es gibt eine Ansprache, eine Rede. In unserem Tempel sind wir dabei von Arbeitstafeln umgeben, auf denen sich Symbole befinden. Beispiele für diese Symbole sind der Winkel und der Zirkel, die für die Freimaurer an sich stehen. Das Ritual enthält Wechselgespräche zwischen symbolisch handelnden Personen. Dabei kann es vorkommen, dass ein Sinnieren zum Beispiel über das Symbol des rechten Winkels zu den Begriffen Recht und Gerechtigkeit führt.

Ullrich Wieczorek (links) und Hilbert Freiherr von Löhneysen

Hilbert von Löhneysen: Es gibt ein Ritual, da findet zwischen dem Meister und Brüdern ein Zwiegespräch statt. Dabei ist der Rahmen eine viereckige Sitzordnung und die Brüder sitzen dort symbolisch für Gott, für die Vernunft und das Gewissen. Als Gotteskinder sind wir ja mit Vernunft und Gewissen ausgestattet. Mit diesen Werkzeugen kann man sein Handeln abmessen. Vernunft und Gewissen kontrollieren sich gegenseitig. Damit kann man weit kommen.

Wieczorek: Letztlich geht es um die Frage: Wie gehe ich mit dem anderen um? Unsere Treffen finden einmal die Woche statt, in einem würdevollen, ja feierlichen Rahmen. Die Brüder tragen zu den Treffen einen schwarzen Anzug oder Frack. 

Von Löhneysen: Der Charakter bildet sich durch Erlebnisse und unsere Rituale stehen dafür stellvertretend. Der Erlebniseffekt ist wichtig. Die Erkenntnisse, die ich aus der Interpretation des Symbols ziehe, indem ich sage: Ich muss mich ändern.

Sie bemühen sich, edle Menschen zu werden. Verzweifeln Sie da nicht manchmal an der Welt, wo von einer Verfeinerung des Menschengeschlechts häufig wenig zu spüren ist?

Wieczorek: Ja, durchaus.

Von Löhneysen: Die Freimaurerei will erreichen, dass der Einzelne etwas verändert, frei nach dem Motto „Make a good man better“. Dahinter steht die Hoffnung, dass darüber auch die Welt sich ändert. Dabei ist der Versuch, sich selbst zu ändern, ein schwieriger Weg. Die Freimaurerei lehrt uns deshalb, dass man nach einem Straucheln wieder aufsteht und einen neuen Weg geht. Unsere Tempelarbeit bezieht sich auf den Tempel Salomos aus dem Alten Testament. Der Tempel wurde 1000 vor Christus immer wieder zerstört und neu aufgebaut und ist ein Symbol dafür, dass alles Menschenwerk Stückwerk ist. Im Laufe der Zeit stellt man aber fest: Man kann sich ändern, man wird ruhiger, duldsamer.

Wieczorek: Und verständnisvoller.

Können Sie das freimaurerische Geheimnis lüften?

Von Löhneysen: Es gibt gar kein Geheimnis. Das Geheimnis ist das Erleben des Rituals.

Wieczorek: Wenn ein Bruder ein bestimmtes rituelles Erleben hat, dann ist das schwierig in Worte zu fassen.

Von Löhneysen: Die Zucht der Zunge ist zudem wichtig, um zu eigenen Erkenntnissen zu kommen. Ein Bruder ist verpflichtet, das, was er im Ritual erfährt, nicht nach außen zu tragen.

Es ist verboten?

Von Löhneysen: Mit dem Ehepartner darf man natürlich darüber reden. 

In heutiger Zeit könnte man das Streben der Freimaurer als Sinn-Suche bezeichnen. Sprechen Sie damit nicht sehr viele Menschen an?

Wieczorek: Theoretisch ja. Wir sind ja kein Geheimbund. Jeder kann Mitglied unserer Loge werden, vorausgesetzt er ist „ein freier Mann von gutem Ruf“. Ein potenzieller Bruder muss den Willen haben, gewisse eigene Gedanken zu entwickeln. Befehlsempfänger sind bei uns fehl am Platz. Entweder sprechen uns Interessierte an – immer häufiger übrigens über das Internet – oder wir sprechen jemanden an. Es gibt Gästeabende zum Kennenlernen. Am Ende wird demokratisch entschieden, wer aufgenommen wird. Auch dafür gibt es natürlich ein Ritual, die Kugelung. Dabei geben die Brüder weiße Kugeln für eine Zustimmung und schwarze Kugeln für eine Ablehnung ab.

Gibt es keine weiblichen Mitglieder?

Wieczorek: Das ist zugegebenermaßen ein kritisches Thema. Es ist uns nach den Vorgaben der Großloge nicht erlaubt, Frauen aufzunehmen. Es gibt allerdings Frauenlogen und auch gemischte Logen, zu denen wir auch Kontakt pflegen. Zurzeit wird die Geschichte der Freimaurer wissenschaftlich aufgearbeitet. Es kann durchaus sein, dass sich da auch hinsichtlich der Mitgliedschaft von Frauen etwas ändert. Aber das wird ein langwieriger Prozess. Frauen sind aber bei unseren Gästeabenden willkommen.

Wie steht es um andere Mitgliedschaften parallel zu den Freimaurern?

Wieczorek: Da gibt es keine Probleme. Einige unserer Brüder sind Parteimitglieder, in Kirchengemeinden aktiv und auch in anderen Vereinen. Sie sind häufig in der Öffentlichkeit engagiert.

Wie modern sind die Freimaurer? Leben Sie nicht eher rückwärtsgewandt?

Von Löhneysen: Wir sind beides, in vielen Fragestellungen hochaktuell und mit unseren Jahrhunderte alte Ritualen rückwärtsgewandt.

Wieczorek: Die Themen unserer Vorträge reichen vom „Sonnensturm“ bis zur „Inklusion“.

Das Geheimnis der Freimaurer

Die Freimaurerei, auch Königliche Kunst genannt, versteht sich als ein ethischer Bund freier Menschen mit der Überzeugung, dass die ständige Arbeit an sich selbst zu einem menschlicheren Verhalten führt. Die fünf Grundideale der Freimaurerei sind laut Wikipedia Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Sie sollen im Alltag gelebt werden. Die Freimaurer organisieren sich in sogenannten Logen.

Nach ihrem Selbstverständnis vereint die Freimaurerei Menschen aller sozialen Schichten, Bildungsgrade und Glaubensvorstellungen. Die Konstitution der ersten Großloge wurde am 28. Februar 1723 im britischen Postboy öffentlich beworben und bildet die Grundlage der heutigen Freimaurerei.

Freimaurer haben sich der Verschwiegenheit und dem Grundsatz verpflichtet, freimaurerische Bräuche und Logenangelegenheiten nicht nach außen zu tragen. Die Zeremonien und Alten Pflichten der spekulativen Freimaurerei werden auf Gebräuche und Unterlagen historischer Steinmetzbruderschaften zurückgeführt. Schon im 9. Jahrhundert zogen Handwerker, die sich zu Zünften zusammengeschlossen hatten, durch das Land, um auf Baustellen zu arbeiten. Besonders zu den Klöstern, wie den Benediktinern, bestand eine Verbundenheit. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Handwerker unabhängiger und schlossen sich zu einer Art Geheimbund zusammen.

Der Begriff Freimaurer oder „Freemason“ taucht zum ersten Mal im englischen Exiter auf. Beim Bau der Kathedrale 1396 waren freie Handwerker beteiligt. Über hundert Jahre später taucht der Begriff Freimaurer in den Reichstatuten von König Heinrich VII. auf. Die zwei bekanntesten freimaurerischen Symbole sind der Winkel und der Zirkel. Zu bekannten Freimaurern zählen Goethe, Herder, Friedrich der Große, Mozart. Die Zahl der Freimaurer weltweit wird auf etwa fünf Millionen geschätzt, davon drei Millionen in den USA.

Die Kasseler Johannisloge

Im Jahr 1893 haben zehn Freimaurer in Kassel die Loge „Zur Freundschaft“ gestiftet. „Seitdem sind wir mit unseren Werten und Engagement als Freimaurer in unserer Stadt und der Region tätig“, heißt es zum Jubiläum. Die Johannisloge „Zur Freundschaft“ war 1935 von den Nazis verboten worden. 1948 wurde sie wieder reaktiviert.

Seit 1985 hat sie im Haus Murhardstraße 6 ihre Sitz und Versammlungsort. Die Johannisloge zählt 50 Brüder. Sie ist die größte der vier Kasseler Logen. Insgesamt gibt es in Deutschland 12 000 Freimaurer. 

Ullrich Wieczorek (65) ist in Kassel geboren, als Bankkaufmann und Versicherungsfachwirt hat er 35 Jahre lang selbstständig gearbeitet. Er ist der Vorsitzende Meister der Freimaurer Johannis-Loge „Zur Freundschaft“. In seiner Heimatgemeinde Niestetal hat er sich unter anderem im Kirchenförderkreis engagiert. Er ist verheiratet, Vater von vier Kindern und Großvater von vier Enkelkindern. 

Hilbert Freiherr von Löhneysen, 1941 in Berlin geboren, hat Jura in Berlin, Erlangen und Göttingen studiert. Seit 1969 lebt der heute 76-Jährige in Kassel. 35 Jahre lang war er im Kasseler Rathaus tätig, zuletzt als Leiter des Ordnungsamts. Er ist verheiratet, Vater von zwei Töchtern und Großvater von zwei Enkeltöchtern.

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