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Geheimnis um uralte Grabplatte in Klosterkirche Nordshausen: Ein Kasseler auf Spurensuche

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Von: Katja Rudolph

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Josef Mense steht vor der mittelalterlichen Grabplatte in der Klosterkirche Nordhausen.
Ein Stein, viele Fragen: Der Kasseler Josef Mense untersucht die Geschichte und Botschaft einer mittelalterlichen Grabplatte in der Klosterkirche Nordshausen. Er sucht weitere kirchengeschichtlich interessierte Mitstreiter, die mit ihm dem Rätsel auf den Grund gehen wollen. © Andreas Fischer

Eine mittelalterliche Grabplatte in der Klosterkirche Nordshausen gibt Rätsel auf. Hat auf dem Grabmal ein ungewöhnlich fortschrittlicher Geistlicher eine Botschaft für die Nachwelt festgehalten?

Kassel – Manch einer, der die Klosterkirche in Nordshausen besucht, mag von dem eher schlicht wirkenden Gotteshaus zunächst enttäuscht sein. Doch bei genauerem Hinsehen bieten sich viele spannende Details. Der Kasseler Josef Mense befasst sich seit Jahren mit der Geschichte der ältesten Kirche Kassels, die um 1250 als Zisterzienserinnenkloster gegründet wurde und heute zur evangelischen Kirche gehört. Viel Wissenswertes hat der 80-Jährige in einem handlichen Kirchenführer sowie einem üppigen Bildband bereits zusammengetragen und anschaulich gemacht. Doch noch sind längst nicht alle Rätsel um die mittelalterliche Kirche gelöst.

Derzeit gilt Menses Interesse einem ungewöhnlichen Grabmal, das heute aufgerichtet an der Ostwand hinter dem Altar steht. Dabei handelt es sich um eine Grabplatte, die wahrscheinlich um 1370 für den damaligen Propst des Klosters angefertigt wurde, den geistlichen Vorsteher der Nonnen. Der Stein, der seinerzeit das Grab des Geistlichen bedeckte, wurde vermutlich mit der sogenannten Zweiten Reformation um 1600 aus der Kirche entfernt und lag dann mehr als 300 Jahre auf der Friedhofsmauer im Freien. Deshalb ist er stark verwittert.

Die Figur des Geistlichen ist noch grob erkennbar, die Inschrift an den Rändern fast gar nicht mehr. Umso mehr ein Ansporn für Josef Mense, der früher Studiendirektor am Lichtenberg-Gymnasium war, sich dem rätselhaften Stein zuzuwenden. Dabei geht der Germanist und katholische Theologe mit geradezu detektivischem Spürsinn und beharrlichem Forschergeist vor. Oben rechts auf der Grabplatte hat er in gotischer Schrift die Buchstabenfolge „VOR DIR“ ausgemacht. Er vermutet, dass es sich um ein Zitat aus Psalm 38 handelt. Schon die Platzierung sei eine Abweichung von der damals üblichen Beschriftung von Grabsteinen, die oben mit „Anno Domini“ und dem Todesjahr begann, so Mense. Das eigentlich Bemerkenswerte sei jedoch nicht die Bibelstelle, sondern deren Wiedergabe auf Deutsch. Sollte der Propst sich schon 150 Jahre vor Luther bewusst für eine deutsche Übersetzung entschieden haben? „Für das Grabmal eines Geistlichen wäre das eine kleine kulturgeschichtliche Sensation“, sagt Mense, denn damals war Latein die Amtssprache. Eine deutschsprachige Inschrift wäre womöglich ein Bekenntnis zu einer Kirche, die sich in der Alltagssprache an die Menschen wendet.

Ungewöhnlich ist auch, in welcher Kleidung der Verstorbene sich abbilden ließ, sagt Mense. Denn der Geistliche habe nicht, wie bei solchen Darstellungen üblich, ein Messgewand an. Dazu fehle unter anderem der sogenannte Manipel, ein bandartiges Tuch, das über den linken Arm gelegt wurde. Auffällig sei darüber hinaus, dass auf dem Abendmahlskelch in der Hand der Figur keine Hostie liege. Stattdessen lade der Geistliche mit einer eher zurückhaltend wirkenden Geste des Zeigefingers zum Abendmahl ein. „Das sind gleich mehrere Kleinigkeiten, die mir von keinem vergleichbaren Grab bekannt sind“, sagt Mense. Sie könnten darauf hinweisen, dass der Nordshäuser Propst sich mit der damaligen Kirche und ihren Dogmen auseinandergesetzt hat.

Noch handele es sich um Vermutungen, betont Mense, der seine Person lieber in den Hintergrund und die offenen Fragen rund um das Grabmal in den Vordergrund stellt. Gern würde er sich mit weiteren kirchengeschichtlich Interessierten und auch Wissenschaftlern darüber austauschen und weiterforschen. Auch technische Expertise, etwa zu 3-D-Methoden für eine Verdeutlichung der Schrift, könnte hilfreich sein. Damit das Rätsel um das alte Grabmal und seine Botschaft gelöst werden können.

Kontakt: mense.jc@gmx.de Josef Mense bietet auf Anfrage auch Führungen in der Klosterkirche an.

Die Grabplatte steht heute aufgerichtet an der Ostwand hinter dem Altar.
Mit Hund zu Füßen: Das Tier steht als Symbol für die Treue und den Dienst gegenüber dem Herrn. © PRIVAT

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