Beim Raiffeisenbank-Jubiläum verriet Jochim Gauck, wie er Realo wurde

Wem gehört die Werft?

Grund zum Feiern bei Raiffeisen: Herbert Krug (von links), stellvertretender Vorstandsvorsitzender, Claus-Rüdiger Bauer, Vorstandsvorsitzender, Joachim Gauck sowie Aufsichtsratschef Werner Neusel und Vorstandsmitglied Michael Hohmann. Foto: Herzog

Baunatal. Einen besseren Festredner hätte die Raiffeisenbank Baunatal zur Feier ihres 125-jährigen Bestehens wohl nicht finden können: Joachim Gauck, Bürgerrechtler in der DDR, Ex-Bundesbeauftragter für die Stasiunterlagen und Bundespräsident-Kandidat, begeisterte die Gäste in der voll besetzten Baunataler Stadthalle mit einer fulminanten Rede. Lang anhaltender Beifall war der Lohn.

Gut gelaunt gestand Gauck, dass er von Bankgeschäften nicht viel Ahnung habe: „Ich bin nur ein bisschen Kunde.“

Dafür weiß er umso mehr über die Freiheit („mein Lebensthema“), von der er eine Stunde lang frei sprach. Dabei sagte er Sätze, die man sich merken und aufschreiben sollte. Etwa:

Die Freiheit wird nicht genug von Menschen gewürdigt, die schon immer in Freiheit leben.

Oder: Nicht nur Politiker, auch die Stammtischbrüder, die über sie Witze machen, sind Mängelwesen.

Und: Wenn Freiheit jung ist, heißt sie Befreiung.

Dabei, so Gauck, sei die Freiheit nicht nur die Freiheit von Diktatur. Wichtiger sei die Freiheit für etwas: Etwa für die Übernahme von Verantwortung. Denn, so Gauck: „Die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung.“ Bei vielen Ostdeutschen gäbe es aber noch immer die Furcht vor der Freiheit. Sie seien unter dem Motto „sei gehorsam, passe dich an, fürchte dich“ groß geworden. Gauck: „Das war das ganz andere Programm als in Westdeutschland.“

Mittlerweile sei der Graben innerhalb der Ostdeutschen tiefer als der zwischen „Ossis“ und „Wessis“. Manche Ostdeutsche seien in der Gesellschaft angekommen, übernehmen Verantwortung und gestalten. Die anderen verharrten in der alten Haltung und schimpften über eine Freiheit, mit der sie offensichtlich wenig anfangen können.

Joachim Gauck unterhielt seine Zuhörerschaft auch mit Anekdoten. Etwa die, wie er ein Realo geworden sei. Die Geschichte geht so: Nach der Wende wurde er von den Arbeitern in seiner Heimatstadt Rostock gefragt: „Wenn wir jetzt einen eigenen Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus zur Vollkommenheit gehen – wem gehört dann die Werft?“

Gauck wusste es nicht. Er fragte die Berliner Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley um Rat, war sich aber unsicher, an der richtigen Adresse zu sein: „Die malt schließlich abstrakte Bilder, ob die so was weiß?“

Sie wusste es nicht. Erst ein weiterer Bürgerrechtler hatte eine Antwort parat: „Wir sagen einfach, wir sind für die soziale Marktwirtschaft.“

Von Frank Thonicke

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.