Es gehörte zum KZ Buchenwald

Es gehörte zum KZ Buchenwald: Das fast vergessene Lager in Kassel

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Inzwischen abgerissen: Diese Baracke gehörte zum Außenkommando. Die Häftlinge bauten sie unterhalb des Freibads Wilhelmshöhe an der Baunsbergstraße. 

Kassel. Für die meisten Kasseler heute unbekannt: Von Juli 1943 bis April 1945 gab es in Kassel ein Außenkommando des Konzentrationslagers Buchenwald. Heute vor 70 Jahren wurden dort die ersten Häftlinge untergebracht.

Die Spuren des Kasseler Außenkommandos sind bis heute – wenn auch im Verborgenen – zu finden. Seinerzeit war das Lager auf drei Standorte verteilt: Die Zentrale lag im Druseltal in einem Fachwerkbau, in dem vorher eine Gastwirtschaft und heute Ferienwohnungen untergebracht sind.

Weitere Standorte waren zwei SS-Baracken am Panoramaweg, die heute von einer Firma genutzt werden, und drei inzwischen abgerissene Arbeitsbaracken unterhalb des Freibades Wilhelmshöhe.

Bauarbeiten für die SS

Am 24. Juli 1943 wurden die ersten Häftlinge aus Buchenwald nach Kassel verlegt. Es handelte sich um ein Baukommando, das heißt, die Häftlinge mussten in Kassel Bauarbeiten für die SS erledigen. Das Kommando unterstand dem Höheren SS- und Polizeiführer für den Wehrkreis Kassel, Josias Erbprinz zu Waldeck und Pyrmont, der mehrfach persönlich nach Kassel kam. Vor Ort hatte SS-Oberscharführer Heinrich Best das Kommando.

Bis zu 150 Häftlinge waren gleichzeitig in einem Anbau des Fachwerkhauses in beengten Verhältnissen untergebracht. Der Appellplatz war mit Stacheldraht umzäunt. Bewacht wurde das Areal von der Schutzpolizei.

Juden waren nicht unter den Gefangenen. Diese waren schon deportiert worden. Die Mehrzahl der 288 Häftlinge, die von 1943 bis 1945 in Kassel inhaftiert waren, kam aus Polen und Russland. Aber es waren auch Tschechen, Niederländer, Belgier, Franzosen und Deutsche darunter – viele von ihnen waren politische Gefangene.

Dietfrid Krause-Vilmar

Ohne Frage sei im Kasseler Lager viel Unrecht geschehen, aber die Situation sei nicht vergleichbar gewesen mit der im Stammlager Buchenwald, sagt Dietfrid Krause-Vilmar. Der emeritierte Professor der Uni Kassel hat sich jahrelang mit dem Thema beschäftigt und mit einem früheren niederländischen Häftling einen Zeitzeugen ausfindig gemacht.

In der Regel seien Handwerker, Bauingenieure und Architekten wegen ihrer Fähigkeiten nach Kassel verlegt worden, sagt Krause-Vilmar. Vor allem nach dem Luftangriff auf Kassel am 22. Oktober 1943 seien sie als Arbeitskräfte benötigt worden.

In der gedruckten Ausgabe lesen Sie außerdem:

- SS ließ Ausgebombte plündern

Um Einkäufe für die SS zu erledigen, seien Häftlinge in KZ-Kleidung unter Bewachung sogar mit der Straßenbahn in die Stadt gefahren. Der niederländische Zeitzeuge Alfred F. Groeneveld berichtete später, dass ihn die anderen Fahrgäste nie angesehen hätten. Ein SS-Soldat habe einmal verlangt, dass er die Bahn verlasse, weil er nicht mit Verbrechern Bahn fahren wolle.

„Im Kasseler Lager kam es auch zu Misshandlungen von Häftlingen durch SS-Offiziere. Solche Exzesse wurden zugelassen. Es gab aber keinen systematischen Terror wie etwa in Buchenwald“, sagt Krause-Vilmar. Tötungen in dem Lager seien nicht überliefert.

Von Bastian Ludwig

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