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Wie entwickeln sich die Mieten? Neuer GWG-Chef im Interview

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Von: Florian Hagemann

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Die Stadt und die GWG: Aufsichtsratsvorsitzender Christof Nolda (von links), neuer Geschäftsführer Uwe Gabriel, Vorgänger Peter Ley und Oberbürgermeister Christian Geselle.
Die Stadt und die GWG: Aufsichtsratsvorsitzender Christof Nolda (von links), neuer Geschäftsführer Uwe Gabriel, Vorgänger Peter Ley und Oberbürgermeister Christian Geselle. © Andreas Fischer

Der neue GWG-Chef Uwe Gabriel spricht im Interview über Herausforderungen in unruhigen Zeiten.

Kassel – Peter Ley ist nach 20 Jahren an der Spitze der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft (GWG) der Stadt Kassel verabschiedet worden. Sein Nachfolger heißt Uwe Gabriel. Im Interview spricht der 53-Jährige über die Herausforderungen in unruhigen Zeiten.

Herr Gabriel, der Wechsel in der Geschäftsführung der GWG von Herrn Ley zu Ihnen wird gerade vollzogen. Was sind Ihre ersten Schritte im neuen Unternehmen?

Die ersten Tage ging es zunächst einmal darum, das Unternehmen und die Mitarbeiter kennenzulernen. Man darf nicht vergessen: Nach 20 Jahren kommt jetzt ein neuer Geschäftsführer, das ist für solch ein Unternehmen schon eine Herausforderung. Viele Mitarbeiter, die hier beschäftigt sind, kennen nur Peter Ley als Geschäftsführer. Deshalb heißt es für mich, die ersten Schritte behutsam zu machen, mit Respekt auf die geleistete Arbeit zu blicken und die Unternehmenskultur kennenzulernen, aber auch zu analysieren und klar neue Herausforderungen zu erkennen und zu benennen.

Wie gehen Sie die neue Aufgabe rein inhaltlich an?

Es geht mir tatsächlich darum, die GWG, ihre Bestände und Organisation kennenzulernen. Und es geht um Kontinuität und Verlässlichkeit gegenüber unseren Kunden und der Stadt. Allerdings verändert sich das Weltgeschehen mit direkter Auswirkung auf die Wohnungswirtschaft und auf die GWG – insbesondere was das Energieversorgungsrisiko angeht – nahezu täglich. Von daher ist mit einem ruhigen Start nicht unbedingt zu rechnen, denn wir müssen bereits jetzt teilweise grundhafte Entscheidungen treffen.

Sie kommen in einer generell unruhigen Zeit – auch für eine Wohnungsbaugesellschaft: Wohnraum fehlt, die Entwicklung bei den Mietpreisen ist unsicher. Was stellt in diesem Kontext Ihre Hauptherausforderung dar?

Wir haben eine Reihe von Herausforderungen: in erster Linie die Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum. Aber das derzeit wesentliche Thema ist das Beeinflussen der Mietnebenkosten, insbesondere der Energiekosten, um die Belastung unserer Kunden im Rahmen zu halten. Zu diesem Zweck werden wir große Investitionen anschieben, die auch auf Projektinitiativen von Peter Ley zurückzuführen sind.

Hier ist insbesondere die bestmögliche Unabhängigkeit vom Energieträger Erdgas als Ziel zu nennen. Positiver Nebeneffekt: Mit diesen Maßnahmen werden wir – quasi ganz nebenbei – auch den CO2-Ausstoß reduzieren und zur Erreichung der Klimaziele beitragen. Der Umgang mit zukünftigen extremen Wettergeschehnissen wird uns in besonderer Weise herausfordern. Das ist das eine.

Und das andere?

Das andere ist, den Menschen ein Stück Sicherheit zu geben. Wir wollen ein Vermieter sein, der verlässlich ist. Das ist besonders wichtig in einer Zeit, in der die Welt von einer großen Krise in die nächste stolpert.

Wie stellen Sie diese Verlässlichkeit sicher? Viele Menschen haben Angst, dass die Mieten und die Mietnebenkosten zum Teil extrem steigen werden?

Die Voraussetzung für Verlässlichkeit ist, dass wir ein gesundes Unternehmen sind, das zukunftsorientiert handelt und tatsächlich in der Lage ist, kontinuierlich zu modernisieren, um die Attraktivität der Wohnungen zu sichern. Aber es geht nicht nur um die einzelne Wohnung an sich, es geht auch um die Wohngemeinschaft. Wie lebe ich in meinem Quartier? Wer sind meine Nachbarn? Wie achten wir aufeinander? Das Thema des sozialen Miteinanders werden wir also weiter kultivieren.

Was verändert sich da gerade?

Ich glaube, dass die Aufgabe eines verantwortungsvollen Wohnungsvermieters sich gravierend verändert hat. Bis vor 20 Jahren reichte es, nur Wohnungen bereitzustellen und – salopp ausgedrückt – vier Wände, ein Dach und Fenster zu haben.

Und heute?

Ich bin der gleichen Überzeugung wie mein Vorgänger, dass heute die Aufgaben für einen verantwortungsvollen Vermieter weiter zu fassen sind, um Vereinsamung vorzubeugen. Menschen leben heute eher zurückgezogener, individueller als noch vor 20 bis 30 Jahren. Dieser Individualismus kann in einer gewissen Lebensphase ja schön sein, aber irgendwann brauchen wir andere Menschen, die Nachbarn, ein vertrautes Miteinander im Haus, um uns gegenseitig zu unterstützen und um möglichst lange im eigenen Wohnraum leben zu können. Das müssen wir noch intensiver fördern.

Wie?

Es gilt, die bisherigen niedrigschwelligen Angebote für ein Miteinander im Quartier, im Haus auszubauen. Wir müssen also nicht nur dafür sorgen, dass unsere Kunden gut und gern in ihren Wohnungen wohnen, sondern auch unterstützen, dass das Miteinanderleben funktioniert. Aufeinander achten ist das Stichwort. Hier macht die GWG schon sehr viel.

Was ist mit den Beständen?

Unsere Wohnungen sind bereits zu einem hohen Prozentsatz modernisiert. Wir müssen die Bestände jedoch energetisch weiter qualifizieren, um mehr regenerative Energien einsetzen zu können. Allerdings muss dies wohlbedacht konzeptioniert werden, und die wirtschaftlichen Optionen sind klar im Blick zu behalten.

Was bedeutet das wiederum für eine mögliche Mietentwicklung?

In konkreten Zahlen ist dies jetzt für zukünftige Projekte noch nicht festzumachen. Was ich aber sagen kann: Wir werden immer versuchen, eine Kostenneutralität für die Gesamtmiete unter Berücksichtigung der einzusparenden fossilen Energie hinzubekommen. Ziel ist es, mit unseren Maßnahmen warmmietenneutrale Lösungen zu schaffen. Ob uns das immer gelingt, kann ich nicht versprechen, weil wir eben nicht nur steigende Energiepreise haben, sondern auch explodierende Material- und Baukosten.

Die Kostensteigerung bei den Dienstleistungen ist das eine, überhaupt einen Dienstleister zu finden, das andere. Wie groß ist diese Herausforderung?

Ich sehe das aus zwei Perspektiven. Die gegenwärtige Materialkrise und die entsprechenden Folgen entstanden im Zusammenhang mit der weltweiten Coronakrise und den daraus resultierenden Lieferkettenstörungen. Sie besteht daher tatsächlich noch nicht so lange. Allerdings erleben wir nunmehr eine weitere Verschärfung durch den Krieg mit allen weiteren Unsicherheiten. Ich hoffe dennoch, dass die gegenwärtige Situation kein dauerhaft umfassendes Problem sein wird. Aber ich denke auch, dass die Märkte nicht wieder vollständig zurück in die alten Bahnen finden werden. Wir müssen perspektivisch situativ entscheiden.

Was ist dann die andere Seite?

Eine größere Herausforderung ist, dass wir im Zuge des Einsatzes neuer Technologien wie etwa Luftwärmepumpen zukünftig auch andere speziellere Serviceleistungen einkaufen werden. Wir müssen also sicherstellen, dass Unternehmen, die heute eine herkömmliche Heizung warten, auch morgen verlässliche Dienstleister für die Wartung einer Luftwärmepumpe sein können. Wir müssen Versorgungskonzepte komplett neu denken und brauchen Antworten, um die Versorgungssicherheit und die Wirtschaftlichkeit zu gewährleisten. Für neue Technologien brauchen wir fachkundige Dienstleister, gern unsere langjährigen Partner, die an unserer Seite wachsen können.

Welche Auswirkungen haben die Baupreisentwicklungen auf den Wohnungsbau? Zuletzt hieß es, dass der Bau von 8000 notwendigen Wohnungen für Kassel bis 2030 nicht realisierbar erscheint.

Salopp gesagt: Es ist alles eine Frage des Preises. Wenn man bereit ist, sehr viel Geld auszugeben, und zukünftige Mieterhöhungen keine Bedeutung hätten, ist alles machbar. Das kann aber nicht unser Weg sein. Denn wir wollen bezahlbaren Wohnraum anbieten und können daher Bauleistungen nicht zu jedem Preis einkaufen. Grundsätzlich gilt jedoch: Wir wollen unsere Projekte in der Modernisierung und im Neubau umsetzen, auch wenn das bedeutet, diese gegebenenfalls konzeptionell noch einmal neu zu betrachten. (Florian Hagemann)

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