Spaziergang wird zur Wissenschaft

Corona in Kassel: Querdenker instrumentalisieren den „Spaziergang“

Gegner der Corona-Maßnahmen haben mit dem „Spaziergang“ einen weiteren Begriff für sich instrumentalisiert. (Symbolbild)
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Gegner der Corona-Maßnahmen haben mit dem „Spaziergang“ einen weiteren Begriff für sich instrumentalisiert. (Symbolbild)

Nach dem Begriff „Querdenken“ haben die Gegner der Corona-Maßnahmen mit dem Spaziergang einen weiteren Begriff für sich instrumentalisiert. Muss das sein?

Kassel – Als am Montagabend 450 Kritiker der Corona-Maßnahmen durch Kassel ziehen, sagt eine Frau zu ihren Begleitern: „Nicht stehen bleiben, sonst ist es kein Spaziergang mehr.“ Seit Monaten machen „Querdenker“ aus Spaziergängen Spontanversammlungen, die bei Behörden nicht angemeldet werden müssen. So viele Teilnehmer wie beim friedlichen Rundgang am Montag gab es in Kassel laut Polizei noch nie.

Damit machen sich die Impfgegner nach dem Begriff „Querdenken“, der einst positiv besetzt war, eine weitere Vokabel zu eigen. Bei Twitter erzählte gerade ein Notarzt, der seit Monaten im Netz von „Querdenkern“ angegangen wird, dass ihn ein Bekannter gefragt habe, ob sie einen Spaziergang machen wollten. Er sei bei der Frage zusammengezuckt, weil er den Begriff längst mit den Corona-Protesten verbinde.

Corona-„Spaziergänge“ von Impfgegnern in zahlreichen Städten in Hessen

Beim Kasseler Spaziergang wurden am Montag Flyer verteilt mit allen Terminen in der Region. In fast jeder Stadt treffen sich die Impfgegner mittlerweile montagabends. Unter der Auflistung stand: „Korrupte Politiker und Parteibonzen treiben uns ins Elend! Doch wir beenden diesen Wahnsinn!“

Als ein Spaziergang noch ein Spaziergang war und keine Demo: Kasseler beim Lustwandeln in der Karlsaue (Gemälde von J. W. Kobold aus dem Jahr 1789).

Ein solches Ziel ist neu, und das nicht nur deshalb, weil es so radikal formuliert ist, sondern weil Spaziergänge selten ein Ziel haben. Oft ist der Start- auch der Endpunkt. Und der Zweck ist meist der Spaziergang selbst (anders als sonst in der Welt von heute, wo fast alles der Selbstoptimierung dient). Schon Johann Wolfgang von Goethe streifte ziellos durch den Frankfurter Stadtwald und schrieb: „Ich ging im Walde / so für mich hin, / und nichts zu suchen, / das war mein Sinn.“

Einst gingen nur Adlige spazieren, genauer gesagt lustwandelten sie durch Gärten und barocke Parks. Später tat es ihnen das Bürgertum gleich. Ganz nebenbei knüpfte man so Kontakte und führte ungestört Gespräche. „Die Spaziergänger entdeckten die Umgebung, der Begriff Landschaft wurde bedeutsam“, stellt Jürgen Fischer vom Verein für Hessische Geschichte und Landeskunde fest. Der ehemalige Leiter der Kasseler Joseph-von-Eichendorff-Schule hat sich eingehend mit der Geschichte des Spaziergangs beschäftigt und eine eigene Webseite.

Corona in Kassel: Begriff „Spazierengehen“ hat sich verändert

Laut Fischer hat sich die Bedeutung des Spazierengehens nach dem Zweiten Weltkrieg in Kassel verändert. Ein Gang durch die Karlsaue sei in den 1950er-Jahren eine „Seelenmassage für die im Krieg geschundene Bevölkerung“ gewesen.

In den 1970ern erfand der Soziologe Lucius Burckhardt als Professor der Kasseler Gesamthochschule die Promenadologie. Für Martin Schmitz, der heute als Spaziergangswissenschaftler an der Kunsthochschule lehrt, ist das Gehen „die beste Methode, sich einen Raum, eine Landschaft oder eine Stadt zu erschließen“. Um eine Stadt oder einen Raum wahrzunehmen, zu gestalten und zu planen, müsse man sich bewusst langsam bewegen.

Corona-„Spaziergänge“ in Kassel: Für Impfgegner ein Akt der Rebellion

Genau das ist das Problem für Familien. Wer seine pubertierenden Kinder zum Spazierengehen animieren will, wird als langweiliger Spießer ausgelacht. Für Impfgegner ist der Spaziergang indes ein Akt der Rebellion im Namen der angeblichen Freiheit.

Das gefällt nicht allen. Fischer kritisiert „das Kapern einer bürgerlichen Kulturtradition“ durch eine heterogene Bewegung, die selbst Kinder instrumentalisiert. Andernorts werden die Proteste gewalttätig. Die Künstler des Zentrums für Politische Schönheit fordern darum eine „Entspazifizierung“.

Andere wundern sich hingegen, dass ausgerechnet Linke für Verbote von Protesten sind. Wahrscheinlich endet die Debatte erst, wenn wieder ein Spaziergang ist und niemand mehr hingeht. (Matthias Lohr)

Mehr als 300 „Querdenker“ zogen bereits im Dezember durch Kassel. Die Bewegung bekommt immer mehr Zulauf.

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