Weltweit in 20 Städten

Geisterkunst in Kassel: Künstler haben Foto-Kacheln an Wände gespachtelt

+
Hängen an Hauswänden überall in Kassel verteilt: Das Künstler-Duo Harry Gelb hat sie an öffentliche Gebäude wie das Kasseler Rathaus und an private Gebäude gespachtelt. 

Sie hängen an Kassels Hausfassaden, Mauern, in unscheinbaren Ecken, an öffentlichen Gebäuden: Handgroße Kacheln aus Beton, auf denen farbige Fotografien im Polaroid-Format kleben.

37 dieser Kacheln soll es in Kassel geben. Die Stadt ist damit eine von 20 Städten weltweit, in denen insgesamt 678 hängen sollen. Aufgehängt hat sie das Künstler-Duo Harry Gelb.

Wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt, das sich nach eigenen Angaben nach einer Romanfigur des Autoren Jörg Fauser benannt hat, ist nicht bekannt. Die HNA-Anfrage blieb bislang unbeantwortet. Auf ihrem Internetblog „The ghost of Harry Gelb“ schreiben die Künstler, dass die Kacheln den Betrachter dazu motivieren sollen, den eigenen Standort gedanklich zu verlassen und zu überlegen: Wo ist das Foto entstanden? Wirkt es einsam auf mich? Warum hängt dieses Bild an dieser Stelle? und Wer hat es aufgehängt?

Einer, der sich diese Fragen stellt, ist Christian Sänger. Der Kasseler bietet Stadtführungen zu den Kacheln an. „Es ist ein bisschen wie Ostereiersuche“, sagt der gelernte Bürokaufmann, der nicht möchte, dass ein Bild von ihm in der Zeitung erscheint. „Es gibt keine direkte Erklärung zu den Bildern, diese Kunst bietet viel Raum zur Interpretation. Das ist das Spannende“.

Die Fotografien zeigen Orte aus anderen Ländern und Städten, meist ohne Personen, und werden ergänzt von einer Nummer und der Signatur Harry Gelb. Nicht immer stechen einem die angespachtelten Wandkacheln ins Auge. „Sie tauchen plötzlich auf“ – wie Geister eben. Teilweise sind nur noch Reste des Fotos zu erkennen – weil es verblichen ist oder abgerissen wurde. Einige Kacheln wurden in Gänze abgeschlagen, fand Sänger heraus. Sie wurden – im Sinne der Vergänglichkeit – nicht ersetzt.

In der Kasseler Friedrichstraße hängen gleich drei Foto-Kacheln: neben einem Verteilerkasten nahe des Hugenottenhauses, an einer Hausecke gegenüber des Amtsgerichts und am Gebäude des Kasseler Tiefbauamts. Bei der Platzierung ihrer Kachelkunst haben Harry Gelb auch keinen Halt vor öffentlichen Gebäuden gemacht: Auch am Rathaus und nahe der Orangerie hängen sie und an der Torwache hing einmal eine, weiß Sänger. „Die wurde wohl im Zuge der Bauarbeiten entfernt.“ 

Um mehr über die Kacheln zu erfahren, kontaktierte er die Künstler. „Ich schrieb ihnen, dass ich Führungen anbieten möchte.“ So erfuhr er etwa, dass Harry Gelb 2012 anlässlich der documenta 13 in der Stadt waren. „In einer Nacht-und-Nebel-Aktion haben sie die Kacheln angebracht.“ Die abgebildeten Orte seien auf ihren Reisen entstanden. 

Auf Kachel 93, die in der Friedrichstraße hängt, ist die Wiener Staatsoper abgebildet, auf der 130, die am Landgraf Karl-Denkmal hängt, ein Straßenfriseur in Hanoi (Vietnam), auf der 115, sie hängt an einer Mauer an der Unterführung der Fünffensterstraße, die Halong-Bucht in Vietnam. 19 der Kacheln zeigen die Künstler auf ihrem Internetblog.

Auch Kassel ist auf einer Kachel verewigt: Ein Foto des ehemaligen Geschäfts für Labor- und Krankenhausbedarf an der Weserstraße/Ecke Schützenstraße hängt an einer Fassade der Senefelderstraße in Stuttgart. „Es geht darum, dass die Orte sich verbinden“, sagt Sänger, dem es bei seiner Stadtführung gelingt, dass sich die Besucher auf das Rätsel um die Geister-Kacheln einlassen.

Infos zu den Führungen von Christian Sänger unter kassel-anders-erleben-mit-christian-sänger.de

Das sagt die Polizei

„Bislang liegen uns keine Anzeigenerstattungen vor“, teilt Polizeisprecher Torsten Werner auf Anfrage mit. Der Künstler sei der Polizei demnach nicht bekannt. Wenn mit dem Anbringen der Kacheln die Verletzung der Substanz, etwa der Hauswand, einhergeht, wäre es ein Straftatbestand. Da es sich bei Sachbeschädigung um ein Antragsdelikt handelt, würde die Polizei erst auf einen Antrag hin aktiv. „Erst wenn ein besonderes öffentliches Interesse anzunehmen ist, ermittelt die Polizei von Amts wegen. Dies könnte gegeben sein, wenn öffentliche Einrichtungen betroffen sind.“ Hierzu liegen der Polizei allerdings bislang keine Hinweise vor. 

Das sagt die Stadt

Weder im Amt für Hochbau und Gebäudebewirtschaftung, noch im Kulturamt der Stadt Kassel gibt es zu den Fotokacheln offizielle Vorgänge, teilt Stadtsprecher Claas Michaelis mit. Das Kulturamt werde aber weiterführende Informationen zu den Fotokacheln in Kassel aufbereiten und im Kunstbeirat darüber berichten. „Dort kann der weitere Umgang mit dieser Kunst im öffentlichen Raum abgestimmt werden“, sagt Michaelis.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.