Landgericht ordnet psychiatrische Untersuchung von Seriendieb an

Kassel. Was wichtig und was unwichtig ist, darüber hat der Mann auf der Anklagebank seine ganz eigenen Ansichten. Wichtig ist für ihn, dass bei seiner Geburt noch ein „von“ vor seinem Nachnamen gestanden habe. Und dass dieses Adelsprädikat jetzt in den Unterlagen des Gerichts fehlt.

Sehr bedeutsam, meint der 51-Jährige, sei das für seinen Prozess. „Sonst bin ich’s vielleicht gar nicht.“

Weitaus unwichtiger scheint dem gelernten Schlosser dagegen zu sein, warum er vor dem Kasseler Landgericht erschienen ist. Verhandelt werden soll über seine Berufung gegen ein Urteil des Amtsgerichts: Im Juli war der Mann zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt worden – wegen drei Ladendiebstählen und weil er zweimal binnen 24 Stunden in dieselbe Arztpraxis eingebrochen war, um Medikamente zu stehlen.

Heißhunger

Damals hatte der 51-Jährige die Taten zwar wortreich gerechtfertigt, aber eingeräumt. Warum er danach trotzdem Berufung eingelegt hat, vermag er nun nicht recht zu erklären. Und so redet er erst einmal von einem Missverständnis im ersten Prozess: Nicht aus bloßem Hunger, wie damals zu Protokoll genommen, habe er in einem Aldi-Markt eine Packung Krabben aufgerissen und sofort verspeist. Nein, korrigiert er, es sei „Heißhunger auf was Salziges“ gewesen.

Und die Rektaltuben eines Schmerzmittels, die er in der Arztpraxis mitnahm, seien niemals 60 Euro wert gewesen. Sondern höchstens 50, betont er. Doch all das scheint nicht das zu sein, was den Mann, der seit 1978 fast 30 Einträge im Vorstrafenregister gesammelt hat, eigentlich umtreibt.

„Ich habe Brandverletzungen am ganzen Körper“, verkündet er. Weil er sich die in der Untersuchungshaft nicht selbst beigebracht haben könne, gebe es für ihn nur eine Erklärung: Er werde gezielt gefährlichen Strahlen ausgesetzt, die ihn versengen würden. Denn: „Meine Familie wird seit Langem politisch verfolgt.“

Er beantragt darum ein Gutachten. Kein medizinisches allerdings, sondern ein psychologisches. Und da er sich – trotz guten Zuredens von allen Seiten – nicht zur Rücknahme seiner Berufung entschließen mag, hat sein Antrag schließlich sogar Erfolg. Wenn auch nicht so, wie sich der 51-Jährige das vorgestellt hat. „Möglicherweise“, befindet Richter Erwin Carl, „leidet der Angeklagte an Wahnvorstellungen.“

Das Gericht setzt das Verfahren darum erst einmal aus und ordnet an, dass der Mann psychiatrisch auf seine Verhandlungsfähigkeit hin untersucht wird. Für den 51-Jährigen steht das Ergebnis freilich bereits fest: „Ich bin geistig völlig gesund!“, sagt er.

Im selben Brustton der Überzeugung hatte er in erster Instanz auch beteuert, keinerlei Probleme mit Alkohol oder Drogen zu haben. Obwohl er schon mehrere Jahre in Entziehungsanstalten verbracht hat. (jft)

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