Heute vor 10 Jahren: Ulrich Fiedler und Werner Koch schlossen Kassels erste Homo-Ehe

Geküsst wird nur zu Hause

Seit 30 Jahren ein Paar, seit zehn Jahren auch amtlich: Werner Koch und Ulrich Fiedler aus Bad Wilhelmshöhe. Foto: Ludwig

Kassel. Die gleichgeschlechtliche Partnerschaft wird in diesem Jahr zehn Jahre alt. Wir waren bei dem schwulen Paar zu Besuch, das sich 2001 als erstes in Kassel das Jawort gab.

Auf den Mund geküsst wird nur zu Hause. Auf der Königsstraße verkneifen sich Ulrich Fiedler (52) und Werner Koch (60) Zärtlichkeiten. Viele Kasseler seien den Anblick küssender Männer noch nicht gewöhnt – und sie wollten niemanden irritieren. Dabei ist das schwule Paar seit 30 Jahren zusammen. Heute vor zehn Jahren gingen der Friseur und der Stadtplaner in Kassel die erste eingetragene Lebenspartnerschaft ein.

Wenn sich das Paar in der Stadt trifft, gibt es eine kurze Umarmung, ein Küsschen rechts, eins links, das war’s. „Es hat sich in Kassel keine Kultur gebildet, in der wir Hand in Hand durch die Stadt gehen wollten. Das machen wir dann am Schwulenstrand auf Mallorca“, sagt der Stadtplaner Koch. Er sagt aber auch, dass er seit Einführung der Homo-Ehe mehr soziale Anerkennung für seine Beziehungsform spürt.

Nur das Hochzeitskleid fehlt

Am 20. September 2001 spielten sich ungewöhnliche Szenen vor dem Trausaal im Kasseler Rathaus ab. Werner Koch greift in seinem Haus in Bad Wilhelmshöhe ins Bücherregal. Dort steckt das Erlebnis in einem Fotoalbum. Auf den Bildern sind zwei Menschen zu sehen, die um die Wette lächeln. Es gibt Blumen, Geschenke und schicke Gäste. Alles sieht nach einer Hochzeit aus, nur das Brautkleid fehlt.

Aber die Unterschiede zwischen homo- und heterosexuellen Paaren enden nicht bei der Brautmode. „Wir dürfen auch nicht sagen, dass wir verheiratet sind“, sagt Fiedler. Stattdessen bleibt ihnen nur der behördliche Begriff der Verpartnerung. Beide finden es zwar schade, dass der Gesetzgeber trotz der Annäherung an den Ehe-Status (siehe Hintergrund) noch immer einen Unterschied macht, aber sie halten sich daran. „Wenn ich über dich spreche, habe ich immer noch Hemmungen, dich meinen Mann zu nennen“, sagt Koch zu seinem Partner, den er 1981 in der Schwulenkneipe „Take Five“ an der Friedrich-Ebert-Straße kennen gelernt hat.

Wenn sie an die Zeit ihres Coming-outs zurückdenken, hat sich seitdem viel verändert. „Ich habe damals gedacht, ich bin ganz alleine“, sagt Fiedler, der in einer süddeutschen Kleinstadt aufgewachsen ist. Koch war seit vier Jahren mit einer Frau verheiratet und Vater eines Sohnes, als er im „Take Five“ seine Liebe fand. Als beide zusammenziehen wollten, waren zwei Männer bei einigen Vermietern nicht erwünscht. Also erzählten sie, eine Wohngemeinschaft gründen zu wollen.

Nur selten Anfeindungen

Heute erleben sie nur selten Anfeindungen, an ihrem Arbeitsplatz gehen sie offen mit ihrem Schwulsein um. Zwei-, dreimal sei ihnen auf der Straße „Schwuchtel“ hinterhergerufen worden. „Du musst aufpassen, dass du Männer nicht zu lange ansiehst“, sagt Fiedler. Ansonsten profitierten sie davon, im Stadtteil Bad Wilhelmshöhe wohnen zu können. „Hier denken sich auch manche ihren Teil, sagen aber nichts“, sagt Koch.

Von Bastian Ludwig

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