Geflopptes Investment in Kraftwerke: Anleger verklagt Vermögensberatung

Kassel. Dem Kläger war es geradezu ideal erschienen. Erklärter Windkraftgegner sei er, sagt der Mediziner aus dem südniedersächsischen Friedland, aber in erneuerbare Energien habe er trotzdem investieren wollen. Ein besonderer Termin vor Gericht.

Der Kläger war also hellauf begeistert, als ihm die Witzenhäuser Niederlassung einer Vermögensberatungsfirma aus dem bayrischen Traunstein anbot, sein Geld in Biomassekraftwerke zu stecken.

Für mehr als 160 000 Euro erwarb er Aktien an einem österreichischen Unternehmen, das Energie aus Holzhackschnitzeln gewinnen wollte – und den Investoren hohe Gewinne in Aussicht stellte. Fast neun Jahre später steht fest: Das Geschäft war doch nicht ganz so ideal. Allenfalls „im Promillebereich“ habe es Ausschüttungen gegeben, sagte der Arzt, als er am Dienstag vor dem Kasseler Landgericht um sein Geld kämpfte.

Wie mehrere Dutzend Anleger aus der Region hat er Zivilklage gegen die Vermögensberatung erhoben, weil er sich von der Traunsteiner Firma über den Tisch gezogen fühlt. Bundesweit sollen sogar mehr als 900 private Investoren betroffen sein.

Rund 210 000 Euro fordert der Kläger – das investierte Geld plus Zinsen und entgangene Gewinne. Sein Argument: Die Vermögensberatung habe ihn falsch beraten. Habe ihm wesentliche Informationen vorenthalten und unbegründete Hoffnungen auf satte Ausschüttungen von bis zu 15 Prozent im Jahr geweckt.

Gleich serienweise Pflichtverletzungen wirft sein Rechtsanwalt Marc Cziesielsky der Firma vor. So habe sie den Eindruck erweckt, selbst Hauptaktionär des Biomasseunternehmens zu sein. Doch in Wirklichkeit war gar nicht sie selbst daran beteiligt, sondern eine österreichische Tochterfirma gleichen Namens – mit recht übersichtlichem Grundkapital. Zudem sei die erwartete Rendite übertrieben, das Risiko eines Totalverlusts dagegen verharmlost worden, meint Cziesielsky.

Und auch das Versprechen, dass die Aktien von 2009 an börsennotiert und damit frei verkäuflich sein sollten, habe man nicht eingehalten. Die Folge: Die Anleger sitzen auf ihren Anteilen, die sie so gern loswürden, fest.

Das sind nur einige der Vorwürfe: Die beklagte Firma weist sie allesamt zurück – und ist dabei wie der Kläger nicht eben zimperlich. Beide Seiten werfen sich vor, Unterlagen manipuliert zu haben.

Klägeranwalt Cziesielsky nannte die Vermögensberatung gar eine „Fälscherwerkstatt“ und kündigte ein „strafrechtliches Nachspiel“ an.

Noch aber ist es nur ein Zivilstreit. Das Urteil will Richter Uwe Quandel am 16. April verkünden – und befinden, ob die Angelegenheit für ihn genauso glasklar ist wie für seine Kollegen am Landgericht in Traunstein. Die haben bereits sieben Klagen in vollem Umfang stattgegeben. Über die Berufung ist allerdings noch nicht entschieden. (jft)

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