Vermischung mit Glücksspiel

Suchtexperten warnen vor neuer Gefahr im Netz

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Computerspiel wie "Farmville": Suchtexperten aus Kassel warnen vor einer neuartigen Verquickung von PC- und Videospielen mit Glücksspielen.

Kassel. Jugendliche laufen Gefahr, in eine Falle zu geraten: Suchtexperten warnen vor einer neuartigen Verquickung von PC- und Videospielen mit Glücksspielen. Die Spieler werden dabei von kostenlosen Angeboten auf Online-Varianten des Spiels gelotst, bei denen um Geld gespielt wird.

Er kenne bereits Fälle aus Kassel, wo Jugendliche auf diese Weise Geld verspielt haben, sagt Philipp Theis, der sich auf Medienabhängigkeit spezialisiert hat. „Die Summen reichen von Taschengeldhöhe bis zu mehreren tausend Euro“, sagt der Sozialpädagoge und angehende Kinder- und Jugendpsychotherapeut.

Annette Menzel

Aus beliebten Konsolenspielen heraus, etwa dem Fußballspiel FIFA13, werde seit einiger Zeit zunehmend auf Zusatzoptionen im Internet verwiesen, erklärt Theis. Dort kann der Spieler sich mit anderen Teilnehmern vernetzen und um Geld spielen oder an Turnieren mit Geldeinsätzen teilnehmen. Zwar werde von den Spieleherstellern darauf hingewiesen, dass solche Angebote erst ab 18 Jahren seien, sagt Theis. Aber solche Altersbeschränkungen seien kein hinreichender Schutz - im Internet gebe es sogar Blogs, wie man die Sperren umgehen kann.

Wenn Geld ins Spiel komme, könne sich das Suchtpotential von Spielen erhöhen, sagt Philipp Theis, der seit 2008 als Suchtberater beim Projekt „Real life“ des Diakonischen Werks arbeitet und in zwischen hauptberuflich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Vitos-Klinik in Bad Wilhelmshöhe tätig ist.

„Durch Geld verändert sich alles beim Spielen“, sagt auch Dr. Annette Menzel (Ludwig-Noll-Krankenhaus). Zum eine erhöhe sich die Gewinnphantasie und damit der Reiz des Spiels, zum anderen steige der Druck, dass einmal verlorenes Geld durchs Weiterspielen wiedergewonnen werden soll - eine Spirale, die sich dann bis zur Abhängigkeit hochschrauben kann.

Die Psychotherapeutin und Psychiaterin vergleicht die neue Masche der Spielehersteller mit Alcopops, bei denen Limonade Alkohol beigemischt ist. Die Vermischung von Spiel und Glücksspiel sei eine gefährliche Verführung.

Hintergrund: "Real life"

Auch ohne Geld kann Spielen süchtig machen. Bei dem Projekt „Real Life“ haben im vergangenen Jahr 104 Menschen regelmäßig beraten lassen, die Probleme mit exzessiNutzung von Computerspielen oder Internet haben. Der weit überwiegende Teil waren Jungen und junge Männer oder deren Angehörige.

Philipp Theis

Die Grenze von normalem Spaß an Video- und PC-Spielen zu exzessiver, suchtartiger Nutzung sei fließend, sagt Philipp Theis. Nach Schätzungen sei etwa ein Prozent aller Jugendlichen von einer Abhängigkeit betroffen. Foto: Rudolph

Das Projekt „Real Life“ des Diakonischen Werks Kassel gibt es seit 2008. Es bietet kostenlose Beratung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die Probleme mit übermäßiger Computer- oder Internetnutzung haben. Exzessives Computerspielen ist dabei am meisten verbreitet, aber auch das ständige Online-Sein in Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Kaufsucht im Internet kommen vor. Auch die Eltern von betroffenen Jugendlichen können die Hilfe der Experten in Anspruch nehmen. Warnsignale für eine sich entwickelnde Sucht können sein, dass die Betroffenen den Kontakt zu Freunden und Familie vernachlässigen und früheren Hobbys und Interessen nicht mehr nachgehen. Häufig kommt es auch zu einem Leistungsabfall in Schule, Studium oder Beruf. (rud)

Kontakt: Zentrum für Sucht- und Sozialtherapie des Diakonischen Werks, Frankfurter Str. 78 a, Tel. 0561/93 89 50, E-Mail: suchtberatung@dw-kassel.de

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