Geldstrafe für Kleingartenschläger

Grundloser Angriff mit Schreckschusspistole: Gericht verurteilt 55-Jährigen

Kassel. Eigentlich gab es keinen Grund. Jedenfalls keinen richtigen. Warum ein 55-Jähriger vor anderthalb Jahren in einem Waldauer Kleingarten auf einen anderen Mann losging und ihn schwer verletzte, habe „nicht bis ins letzte Detail geklärt“ werden können, befand Richter Leyhe am Dienstag im Kasseler Amtsgericht.

Und das war, um es ähnlich vorsichtig auszudrücken, eher untertrieben: Im Grunde wusste niemand im Saal, was die verhängnisvolle Auseinandersetzung ausgelöst hatte. Den Angeklagten und sein Opfer inbegriffen.

Nach zwei Verhandlungstagen aber war das Gericht davon überzeugt, dass der 55-Jährige die Schuld trug – und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 5250 Euro (150 Tagessätze à 35 Euro). Wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und unerlaubten Waffenbesitzes. In einer Dezembernacht 2011 hatte der Angeklagte mit einem Bekannten in dessen Gartenhütte gesessen, als der 50-jährige Besitzer der Nachbarparzelle dazu kam. Kurz darauf schlug der 55-Jährige diesem Mann, den er bis dahin nur flüchtig gekannt hatte, mit einer Schreckschusspistole ins Gesicht. Was den 50-Jährigen so unglücklich zu Fall brachte, dass er sich das Sprunggelenk auskugelte und den Fuß brach. Trotzdem trat der Angeklagte anschließend noch weiter nach seinem Widersacher, bedrohte und beschimpfte ihn.

„Irgendeine Bemerkung, irgendein Verhalten des Herrn haben Sie möglicherweise falsch verstanden“, reimte sich Richter Leyhe zusammen. „Sie sind wütend geworden und haben losgelegt.“ Und das wiederum könne nur vom Trinken ausgelöst worden sein: „Ihr Verhalten legt hohen Alkoholkonsum eher nah als fern.“ Der Angeklagte selbst hatte sich als „ganz schlimm besoffen“ beschrieben. Bei Psychiater Rolf Günther, der den 55-Jährigen für das Verfahren begutachtet hatte, waren angesichts des völlig unvermittelten Angriffs zwar sofort die Alarmglocken angegangen: „Das legt für einen Psychiater immer den Verdacht auf eine Psychose nahe.“ Doch dafür habe sich keinerlei Bestätigung finden lassen. Blieb nur der Alkohol.

Auch dass der Angeklagte gebrüllt hatte, er werde in Moskau anrufen und den KGB bestellen, schob das Gericht aufs übermäßige Trinken: „Sie krakeelen herum, was Ihnen in Ihrer Wut in den Kopf kommt“, sagte Richter Leyhe. Mit dem Urteil blieb er unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die auf eine sechsmonatige Bewährungsstrafe plus Schmerzensgeld an das Opfer plädiert hatte. Der Anwalt des Geschädigten hatte sogar zwölf Monate verlangt. Die Verteidigung dagegen wollte Freispruch: Der andere habe angefangen. Warum auch immer. (jft)

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