An der Friedrich-Wöhler-Schule wird der flexible Schulanfang praktiziert

Gemeinsam bis zur Dritten

Aufmerksam: Lehrerin Julia Grebe (Zweite von links) widmet sich jedem Kind individuell. Hier erklärt sie der achtjährigen Clara eine Aufgabenstellung im Arbeitsheft. Fotos: Fischer

Kassel. Lena ist sechs Jahre alt, Patrick sieben und Clara acht. Mit 19 weiteren Kindern sitzen sie im dritten Stock der Friedrich-Wöhler-Schule an einem Tisch. Konzentriert arbeiten sie über ihren Heften und Arbeitsblättern: Die einen zählen Silben, andere suchen Wörter, die sich reimen, wieder andere malen Zuckertüten aufs Papier. Einige Kinder besuchen die Schule seit einem Jahr, andere wurden erst vor wenigen Tagen eingeschult.

Auffallend ist, wie oft Lehrerin Julia Grebe von den Kindern nach neuen Aufgaben gefragt wird. Das Lernen macht ihnen offensichtlich Spaß. Falls die Konzentration nachlässt, gibt es Alternativen: Neben dem Gruppenraum stehen ihnen weitere Orte für Stillarbeiten, Übungen und Entspannung zur Verfügung.

Lerngruppen

Flexibler Schulanfang heißt das Stichwort. Er bedeutet, dass Kinder verschiedener Jahrgänge gemeinsam und en bloc während der ersten beiden Schuljahre lernen. Grundschulen können nach dem Hessischen Schulgesetz die Jahrgangsstufen 1 und 2 unterrichtsorganisatorisch zu einer Einheit zusammenfassen.

Lerngruppen statt Klassen

„Individualisierte Unterrichtsformen gehören zu den Rahmenbedingungen“, heißt es in den Vorgaben. Jedes Kind soll entsprechend seiner Voraussetzungen die Lernangebote nutzen können. Die Schulanfänger an der Wöhler-Schule bilden keine Klassen mehr, sondern bis zur dritten Klasse jahrgangsgemischte Lerngruppen, die sich Möwen, Pinguine, Robben und Delfine nennen. Neben einer Lehrerin arbeitet in jeder Gruppe zeitweise zusätzlich eine Sozialpädagogin.

Hintergrund ist, dass bei Schulanfängern heute zum Teil große Entwicklungsunterschiede festgestellt werden. Mit dem flexiblen Schulananfang ist es möglich, dass schnellere Kinder ein Schuljahr verkürzen und langsamere verlängern. „Wenn ein Kind drei Jahre in der Lerngruppe verbleibt, wird es nicht als Sitzenbleiber stigmatisiert, sondern bleibt in einer Umgebung mit Kindern, die es bereits kennt.“

„Das Gute am flexiblen Schulanfang ist, dass wir nicht selektieren müssen“, sagt auch die stellvertretende Schulleiterin Daniela Schinke, eine große Verfechterin des Modells. „Viele Kinder kennen sich aus dem Kindergarten und bleiben auch in der Lerngruppe zusammen, das gibt Sicherheit.“ Auffallend sei, dass die Jüngeren gerne von den Älteren lernten. Beispielsweise Schulrituale, wie jenem, dass geschwiegen wird, sobald ein leiser Gong ertönt. Unterstützt wird dieses Sozialverhalten der Schüler durch ein Patenmodell innerhalb der Gruppen. Die Resonanz der Eltern sei positiv, sagt Julia Grebe: Sie erleben, dass wir viel näher am einzelnen Kind dran sind. Wir müssen ja immer schauen: Wo steht das Kind gerade?“ ARTIKEL RECHTS

Von Christina Hein

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