Corona erfordert neue Gottesdienstformen

Interview mit Pfarrerin Margit Zahn über Ostern in der Pandemie

Im Kerzenlicht den Ostermorgen erwarten: Wer keinen Gottesdienst in der Kirche besuchen kann oder möchte, kann auch allein zuhause feiern. Auf der Osterkerze sind traditionell das Kreuz sowie die Zeichen Alpha und Omega abgebildet, also der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets. Sie symbolisieren Anfang und Ende.
+
Im Kerzenlicht den Ostermorgen erwarten: Wer keinen Gottesdienst in der Kirche besuchen kann oder möchte, kann auch allein zuhause feiern.

Es ist das zweite Osterfest, das unter Coronabedingungen stattfindet. Pfarrerin Margit Zahn von der Evangelischen Landeskirche Kurhessen-Waldeck hat eine Feier der Osternacht für zuhause ausgearbeitet. Wir sprachen mit ihr über Ostern in der Pandemie und neue Gottesdienstformen.

Das höchste Fest der Christen muss erneut mit großen Einschränkungen gefeiert werden. Wie schmerzhaft ist das?
Ich empfinde es wie viele andere als sehr schmerzhaft, gerade im Blick auf die Osternacht. Die Gottesdienste im Morgengrauen besuchen unter normalen Umständen auch viele Menschen, die sonst nicht regelmäßig in die Kirche kommen. Voriges Jahr haben wir gedacht: Diese Ostern müssen wir verzichten und dann geht Corona schon vorbei. Und nun feiern wir schon zum zweiten Mal Ostern mit großen Abstrichen.
Der Unterschied ist, dass der Lockdown damals alle kalt erwischt hat. Wie hat sich die Kirche mit einem Jahr Corona-Erfahrung diesmal vorbereitet?
Viele Gemeinden haben mehrere Gottesdienst-Varianten vorbereitet, je nachdem was die Infektionslage zulässt. Das geht vom analogen Gottesdienst unter Hygienebedingungen über die ganztags geöffnete Kirche und Mitnehm-Tüten bis zu Formaten im Freien wie einem Osterfeuer mit Anmeldung oder einem Osterweg, den jeder selbst entdecken kann. Natürlich gibt es auch Video-Gottesdienste, Telefonandachten und Fernsehgottesdienste. Und wir machen eben den Vorschlag für eine Osternachtfeier zuhause.
Kann es auch gewinnbringend sein, allein zuhause zu feiern?
Ich glaube, dass es allein oder im kleinsten Kreis ein besonders starkes Erleben geben kann: Frühmorgens noch im Dunkeln zu beginnen und auf das Licht zu warten, eine vertraute Ostermelodie zu summen. Nur mit den Allernächsten die Ostergeschichte mit ihrer Botschaft zu lesen. Und zu sehen, wie das Licht des Tages immer heller wird. Ganz wichtig ist: Auch wenn ich allein zuhause bin, kann ich mich mit allen anderen verbunden fühlen, die gerade das Gleiche tun. Die Osternacht feiern wir ja nicht irgendwann, sondern wir stehen alle gemeinsam kurz vor Sonnenaufgang dafür auf. Ich hoffe, dass viele Feiernde diese Verbundenheit verspüren.
Bleibt nicht trotzdem eine große Leerstelle ohne die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen?
Das stimmt. Aber es wird uns eben auch bewusst, wie kostbar es ist, gemeinsam zu feiern. Die Erfahrung, in die Kirche zu gehen und diese Atmosphäre der Verunsicherung im Dunkeln zu spüren, die sich langsam auflöst, wenn das Licht einzieht und man die anderen Gottesdienstbesucher erkennen kann, wird es so nicht geben. Eine Kirche, in die schon viele andere Menschen teils über Jahrhunderte ihre Gebete getragen haben, ist eben ein besonderer Raum. Da ist die Atmosphäre natürlich eine andere als im eigenen Wohnzimmer.
Uns allen, ob gläubig oder nicht, fehlen seit Monaten die direkten menschlichen Kontakte. Inwiefern ist Gemeinschaft gerade im Glauben essenziell?
Für den Glauben ist Gemeinschaft sehr wichtig. Denn es geht ja darum, gerade in schweren Zeiten von anderen mit getragen und gestärkt zu sein. Diese Erfahrung ist unter Corona-Bedingungen schwerer zu machen, aber Menschen machen sie trotzdem. Wir können uns zwar nicht persönlich sehen, aber es gibt eine Verbindung, die uns weiter trägt. Es ist spannend zu erleben, dass Gemeinschaft auf neue und digitale Weise entsteht. Auch mit Menschen, die ich noch nie gesehen habe, kann ich in einem Gottesdienst per Videokonferenz Gemeinschaft erleben.
Also sind die neuen Gottesdienstangebote, die in der Pandemie entstanden sind, nicht nur Notlösungen?
Nein, es sind auch viele gewinnbringende Formate dabei. An einem Gottesdienst per Videokonferenz kann ich leichter verschiedene Menschen beteiligen. Und gerade junge Leute, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind, können wir digital manchmal besser erreichen als analog. Für Menschen, die bislang wenige Erfahrungen mit der Kirche gemacht haben, sind Angebote im Internet oder im Freien viel niedrigschwelliger. Man kann sich da gewissermaßen langsam herantasten und sein Bedürfnis nach Nähe und Distanz ausloten. Das kann sehr einladend sein. Insofern ist das eine wünschenswerte Entwicklung, die wir im Bereich der Gottesdienste in der Pandemie genommen haben.
Wird Kirche auch durch diese neuen Zugänge künftig sogar mehr Menschen erreichen? Oder sind durch die lange Zeit der Pandemie vor allem Kontakte verloren gegangen?
Ich hoffe, dass die Menschen, die vor Corona regelmäßig in die Kirche gekommen sind, auch jetzt jeden Sonntag im Fernsehen, im Internet oder auf andere Weise vor Ort Gottesdienst feiern können. Und ich hoffe, dass sie nach der Pandemie wieder den Weg in die Kirche finden. Viele Menschen, die für ihre Hochzeit oder zur Geburt eines Kindes eigentlich die Begleitung der Kirche wünschen, verzichten momentan darauf, weil sie es mit einem größeren Fest verbinden wollen. Ich hoffe, dass ihnen nach dieser Zeit der Segen für ihre Ehe oder für das Leben ihres Kindes sogar besonders wichtig wird. Hier müssen wir auch Signale senden als Kirche: Dafür sind wir weiter da, und der Segen stärkt für das Leben.
Inwiefern ist die Bedeutung von Ostern in der Coronazeit auf neue Weise aktuell?
Ostern steht für den Sieg des Lebens über den Tod, des Lichts über die Dunkelheit. In einer Zeit, in der der Tod so präsent ist und so viele Menschen sich vor einer schweren Erkrankung fürchten, ist diese Hoffnungsbotschaft von Ostern passender denn je.
Die Passionsgeschichte spricht die Erfahrung des bedrohten Lebens an und spart sie nicht aus. Und trotzdem leben! Und trotzdem hoffen und einander beistehen! Das ist die Botschaft. An Ostern sagte der Engel: „Fürchte Dich nicht“. Das verbindet die beiden Nächte von Weihnachten und Ostern. (Katja Rudolph)

(Katja Rudolph)

ZUR PERSON

Margit Zahn (59) ist Studienleiterin der Arbeitsstelle Gottesdienst der Evangelischen Landekirche von Kurhessen-Waldeck. Mit ihrer anderen Stellenhälfte ist sie im Kirchenkreis Hanau verantwortlich für die Projektstelle für kirchliche Lebensbegleitung. Margit Zahn stammt gebürtig aus dem Vogelsbergkreis und lebt mit ihrem Mann in Hanau. Sie hat zwei erwachsene Töchter. 

Osternacht zu Hause

Für die Feier der Osternacht zuhause hat Pfarrerin Margit Zahn einen Vorschlag ausgearbeitet. Dafür bereitet man am Vorabend den Raum vor, in dem man feiern möchte, und stellt mehrere kleine und eine große (Oster-)Kerze sowie Streichhölzer bereit. Am Ostersonntag steht man noch vor Sonnenaufgang (7.06 Uhr) auf, und entzündet im Lauf der Feier nach und nach Kerzen. Die Liturgie samt Texten und Liedvorschlägen gibt es auf der Webseite der Evangelischen Landeskirche. Kurzlink zur Webseite: zu.hna.de/osternacht21

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.