SPD-Stadtverordnete Harry Völler blickt genau auf Namensgeber

Kompromiss für strittige Straßennamen?

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Karlsruher Modell als Vorbild: Durch einen Zeitungsartikel ist der Kasseler SPD-Stadtverordnete Harry Völler auf die Infotafeln an den Straßenschildern aufmerksam geworden.

Kassel. Soll die Waldemar-Petersen-Straße im Kasseler Stadtteil Waldau einen neuen Namen bekommen, nachdem die engen Verbindungen des Namensgebers zum nationalsozialistischen Regime bekannt geworden sind? Diese Frage beschäftigt seit vergangenem Herbst Ortsbeiräte, den Magistrat sowie Mitarbeiter der Kasseler Stadtverwaltung.

Einen Kompromissvorschlag in dieser Frage macht nun der SPD-Stadtverordnete Harry Völler: Auf kleinen Tafeln unter den Straßenschildern sollte über alle Seiten der Lebensgeschichte der jeweiligen Namensgeber informiert werden, auch über die dunklen Kapitel.

Vorbild für diese Idee ist die Stadt Karlsruhe, wo es derartige Erklärungen an drei Straßenschildern seit dem Jahr 2011 gibt. Auf die Idee ist Völler, dessen Tochter dort lebt, durch die Berichterstattung der „Badische Neueste Nachrichten“ gekommen. In Karlsruhe sei aktuell der strittige Name der Fritz-Haber-Straße in der politischen Diskussion, sagte Bernd Wnuck, Pressesprecher der Stadt Karlsruhe.

Weitere Schilder

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Liste der Stadt Kassel mit evt. betroffenen Straßennamen

Nach Ansicht von Völler müssten nicht nur die Hintergründe zum Leben von Waldemar Petersen auf einer Infotafel erläutert werden. In Kassel gibt es weitere Straßen, die nach Personen benannt sind, deren Lebensläufe Makel aufweisen.

Als Beispiel nennt Völler das Afrika-Viertel in Forstfeld, wo es unter anderem die Lüderitzstraße gibt. Erklärend steht auf dem Schild: „Franz Adolf Eduard Lüderitz, 1834-1886. In den Kolonien tätiger Kaufmann.“

In Karlsruhe liest sich die Erläuterung auf dem Straßenschild der Lüderitzstraße schon anders: „Adolf Lüderitz, 1834-1886, Überseekaufmann. Durch seine Initiative entstand der nach ihm benannte Hafenort in Namibia. Er gelangte durch Täuschung der Einheimischen an ein großes Landgebiet in Afrika, das den Kern der späteren Kolonie Deutsch-Südwestafrika bildete. Die Straße wurde 1937 benannt. Sein Handeln wird aus heutiger Sicht abgelehnt.“

Völler spricht sich gegen eine generelle Lösung für strittige Straßennamen aus. „In jedem Einzelfall lohnt es sich, genauer hinzuschauen“, sagt er. Wenn es zum Beispiel noch eine Adolf-Hitler-Straße in Kassel gäbe, müsste diese in jedem Fall neu benannt werden. Ein Erklärschild, das die Biografie erläutert, würde dann natürlich nicht reichen. Wohl aber sei das in anderen Fällen eine praktikable Lösung.

Bedeutung kann sich ändern

Indem Straßen Namen von Personen erhalten, sei dies eine Ehrung im Moment der Benennung. „Die Bedeutung historischer Figuren kann sich aber im Laufe der Jahre aus einem anderen Geschichtsbewusstsein, durch neue historische Quellen und deren andere Beurteilung aus der jeweiligen Zeit heraus verändern“, sagt der Stadtverordnete Völler. „Mir geht es darum, dass Geschichte und eine unliebsame Vergangenheit nicht einfach entsorgt werden, sondern dass sich die Stadtgesellschaft damit auseinandersetzen muss.“

Information: 480 Straßen nach Personen benannt

In Kassel sind insgesamt 480 Straßen nach Personen benannt. Das geht aus einem Verzeichnis hervor, das die Stadt auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat. Mit aufgeführt sind darin auch die kurzen Erklärungen, die an den Straßenschildern angebracht sind. Wie ist Ihre Meinung zum Thema, liebe Leserinnen und Leser? Sind Sie für eine Umbenennung oder aber für den Vorschlag, strittige Straßennamen mit ausführlichen Zusatzschildern zu versehen? Diskutieren Sie mit auf HNA.de, wo wir auch auf eine Liste der Stadt Kassel verweisen, die alle Straßenzusatzschilder abbildet.

Hintergrund: Wirbel um Waldemar-Petersen-Straße

Nach Waldemar Petersen ist seit 1959 eine Wohnstraße in Waldau benannt. Nach Zahlen aus dem Rathaus sind dort 720 Anwohner gemeldet, die in etwa 250 Haushalten leben. Wer aber verbirgt sich hinter diesem Namen? Petersen war ein NS-Rüstungsmanager, dem die Ehrung durch einen Straßennamen dringend abgesprochen werden müsse, meint Dr. Manfred Efinger, Kanzler an der Technischen Hochschule in Darmstadt. Im vergangenen Herbst ist Efingers Biografie über Petersen erschienen. Er legt dar, dass es sich bei Petersen um einen hohen Funktionär mit brauner Vergangenheit handelt. Petersen habe an vorderster Front der Nazi-Kriegswirtschaft für den Erfolg des NS-Regimes gearbeitet.

Eine Straßen-Umbenennung ist nicht Angelegenheit von Magistrat oder Stadtverordnetenversammlung. Die Entscheidung liegt beim Ortsbeirat. Der hatte zuletzt angekündigt, sich zunächst ausführlich mit der Biografie Petersens beschäftigen zu wollen. Ähnlich war der Tenor nach einer Zusammenkunft von Vertretern der Verwaltung und Kommunalpolitikern der Stadttteile Waldau, Forstfeld und Bettenhausen im Dezember: Man bräuchte noch weitere Informationen. (chr/clm)

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