Gutachten

Universität Kassel: Gender-Streit geht in die nächste Runde

Studierende im Hörsaal der Universität Kassel
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Studierende im Hörsaal: Unter bestimmten Voraussetzungen können Dozenten bewerten, ob in Arbeiten gegendert wird, heißt es in einem gerade veröffentlichten Gutachten der Universität.

Dürfen Studenten schlechtere Noten bekommen, wenn sie nicht gendern? Die Universität Kassel hat ein Gutachten dazu in Auftrag gegeben.

Kassel – Unter ganz bestimmten Voraussetzungen kann es erlaubt sein, dass Hochschuldozenten in Prüfungen den Gebrauch geschlechtergerechter Sprache vorschreiben. Studenten könnten dann eine schlechtere Note bekommen, wenn sie beispielsweise kein Gendersternchen verwenden. Dies ist das Ergebnis eines Gutachtens, das der Kölner Rechtswissenschaftsprofessor Michael Sachs für die Universität Kassel erstellt hat.

Anders als Grammatik und Rechtschreibung sei die geschlechtergerechte Sprache jedoch kein allgemeines Kriterium für eine Prüfungsleistung.

Universität Kassel: Zahlreiche negative Reaktionen nach Gender-Debatte

Das Gutachten gab die Uni in Auftrag, nachdem unsere Zeitung im März über den Fall des Lehramtsstudenten Lukas Honemann berichtet hatte, der dann bundesweit Schlagzeilen machte. Weil der 21-Jährige, der Geschäftsführer der CDU-Kreistagsfraktion ist, in einer Studienarbeit das generische Maskulinum verwendet hatte, bekam er in einer Teilaufgabe einen Punkt abgezogen.

Nach zahlreichen negativen Reaktionen und mit Verweis auf die unklare Rechtslage entfernte die Uni von ihrer Webseite damals den Satz: „Im Sinne der Lehrfreiheit steht es Lehrenden grundsätzlich frei, die Verwendung geschlechtergerechter Sprache als ein Kriterium bei der Bewertung von Prüfungsleistungen heranzuziehen.“

Gendern, oder nicht? Debatte an Universität Kassel geht weiter

Nun heißt es im Gutachten: Voraussetzung für die Berücksichtigung geschlechtergerechter Sprache bei Prüfungsleistungen sei „ein hinreichender fachlicher“ oder „berufsqualifizierender Bezug“. Die Bewertung, ob jemand Gendersternchen und Co. verwende, dürfe jedoch nicht willkürlich sein. Der „Antwortspielraum des Prüflings“ müsse respektiert werden.

Zudem dürfe Studierenden ein „abweichender Sprachgebrauch nicht zum Nachteil gereichen“, heißt es vonseiten der Uni, die sich durch das Gutachten in „früheren Einschätzungen“ bestätigt sieht.

Universität Kassel: „Nicht zu viel Wind“ um neues Gutachten machen?

Ganz anders bewertet dies der Verein Deutsche Sprache, der das Vorgehen der Uni bereits im März kritisiert hatte. Aus der Stellungnahme der Uni liest Geschäftsführer Holger Klatte eindeutig heraus, „dass die geschlechtergerechte Sprache in der Regel nicht zur Benotung herangezogen werden darf“ – allenfalls wenn sie etwa zum Studieninhalt gehöre wie bei der Sozialpädagogik.

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Klatte urteilt: „Das Gutachten gibt nicht das her, was sich die Universität erhofft hatte.“ Darum müsse man die Stellungnahme der Universität auf deren Webseite aufwendig suchen: „Vielleicht wollte man nicht zu viel Wind machen.“

Gender-Debatte: Student der Uni Kassel hält Gegengutachten für sinnvoll

Auch Student Honemann wertet das Gutachten als „halben Sieg“ für sich. Enttäuschend findet der Nachwuchspolitiker aus Grebenstein, dass die Uni das Gutachten zurückhält: „So wird alles nur noch komplizierter.“

Eine Uni-Sprecherin verweist auf das Urheberrecht des Autors, weshalb „eine Weitergabe des Gutachtens an die Öffentlichkeit nicht vorgesehen ist“. Rechtswissenschaftler Sachs wollte sich gegenüber der HNA nicht äußern. Dem Vernehmen nach soll vermieden werden, dass das Gutachten erneut eine Welle der Kritik auslöst.

Die Wertung des Vereins Deutsche Sprache, dem Kritiker rechtspopulistische Tendenzen vorwerfen, wollte die Uni-Sprecherin nicht kommentieren: „Zu diesem Verein äußern wir uns nicht.“ Honemann wiederum hält ein Gegengutachten für sinnvoll. (Matthias Lohr)

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