Freispruch: 38-Jähriger soll versucht haben, Frau seines Bruders zu überfahren - Keiner will ihn belasten

Vor Gericht hält die Familie zusammen

Kassel. Ob man auf die letzten Zeugen verzichten könne? Staatsanwalt Matthias Blosche schäumt. „Ich kann hier auf alles verzichten“, schimpft der Vertreter der Anklagebehörde, steht auf und hält ein Plädoyer, das aus genau drei Wörtern besteht: „Ich beantrage Freispruch.“ Weil alle Zeugen mauern, kann er den massiven Vorwurf gegen den Angeklagten nicht länger aufrecht erhalten: Der 38-Jährige soll versucht haben, die Ehefrau seines Bruders mit dem Auto zu überfahren.

Gerade einmal eine Dreiviertelstunde dauert am Dienstag die Verhandlung im Kasseler Amtsgericht, bis Richterin Ferchland den Angeklagten vom Vorwurf des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und der versuchten Körperverletzung frei spricht – ähnlich kurz angebunden und ähnlich genervt wie ihr Kollege von der Staatsanwaltschaft. Denn alle Mühe, aufzuklären, was sich an einem späten Oktoberabend 2011 in der Naumburger Straße in Kassel zugetragen hat, war umsonst.

Laut Anklage soll der 38-Jährige in jener Nacht zunächst langsam auf die Gattin seines jüngsten Bruders zugefahren sein, um sie zum Weggehen zu drängen. Weil sie aber trotzdem stehen geblieben sei, habe er das Gaspedal durchgetreten und sei mit quietschenden Reifen auf die 28-Jährige zugerast. Nur ein beherzter Sprung zwischen zwei geparkte Autos habe die Frau vor Verletzungen bewahrt.

Ja, gibt der Angeklagte zu, es habe damals Streit in der Familie gegeben: „Mein Bruder kam nicht mehr nach Hause, war nicht erreichbar – und dann haben wir erfahren, dass er heimlich geheiratet hat.“ Und zwar eine Frau, über die nichts Gutes zu hören gewesen sei: „Sprich Drogen, sprich Alkohol, sprich vorbestraft.“

Am fraglichen Abend habe er seinen Bruder deshalb zur Rede stellen wollen. Doch das einzige Opfer bei dieser Auseinandersetzung sei er selbst gewesen: Zweimal habe ihm sein Bruder mit der Faust gegen den Kopf geschlagen. „Ich war davon wie benebelt.“ Und seine ungeliebte Schwägerin? Die habe schon früh das Weite gesucht. Von einem Angriff mit seinem Auto jedenfalls will der Mann nichts wissen.

Staatsanwalt Blosche macht keinen Hehl daraus, dass er das nicht glaubt. Immer wieder wendet er sich ab, schüttelt den Kopf, zeigt sich ungehalten. Doch die Hoffnung, dass die Vernehmung der Frau einer anderen Wahrheit zum Durchbruch verhelfen könnte, erweist sich als vergebens: Überraschend verkündet die 28-Jährige, von ihrem Aussageverweigerungsrecht als Angehörige Gebrauch machen zu wollen. Und ihr Ehemann hält es genauso.

Als dann auch noch eine Freundin des vermeintlichen Opfers beteuert, leider gar nichts gesehen zu haben, geben Gericht und Staatsanwaltschaft auf. Auf weitere unergiebige Zeugenaussagen verzichten sie genauso wie, wenn auch offensichtlich ungern, auf eine Verurteilung.

Von Joachim Thornau

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