Gericht hebt Verurteilung auf

Freispruch: Mann wollte Tankstelle überfallen, traute sich aber nicht

Kassel. Nach acht Monaten Untersuchungshaft ist ein 46-Jähriger aus Kassel vom Vorwurf des versuchten Tankstellenüberfalls freigesprochen worden. Die Berufungskammer des Kasseler Landgerichts hob damit eine Entscheidung des Amtsgerichts auf, das den Mann im Dezember zu 20 Monaten Gefängnis verurteilt hatte.

Der spielsüchtige Angeklagte war an einem frühen Septembermorgen 2012 zu einer Tankstelle in der Leipziger Straße gegangen, um sie auszurauben, wie er vor Gericht über seinen Anwalt erneut einräumte. Der Mann habe vorgehabt, die Verkäuferin mit einem Teppichmesser zu bedrohen, sich dann aber doch nicht getraut. „Letzten Endes hat ihn der Mut verlassen“, sagte Rechtsanwalt Dieter Keseberg.

Die Videoaufnahmen von drei Überwachungskameras, die im Gerichtssaal an die Wand projiziert wurden, zeigen, wie der Angeklagte durch den Verkaufsraum irrt. Mal betrachtet er Spirituosen, mal Zeitschriften, mal Schokolade. Seine rechte Hand steckt dabei beständig unter der Jacke. Da, wo er das Messer trägt. Die Verkäuferin aber spricht er nicht an, er sieht ihr nicht einmal ins Gesicht.

Als nach gut drei Minuten ein Kunde kommt, gibt der 46-Jährige auf und geht – und läuft draußen der Polizei in die Arme, die von der Verkäuferin heimlich per Alarmknopf herbeigerufen worden war.

Angestellte rief Polizei

Bereits sein seltsames Verhalten hatte die Frau aufmerksam werden lassen: „Da war ich mir schon mehrere Prozent sicher, dass er was vorhat“, erinnerte sich die 34-Jährige. Und dann habe plötzlich etwas Silbernes unter der Jacke aufgeblitzt. „Ich habe höllische Angst gekriegt, mir ist eiskalt geworden.“

Dem Amtsgericht hatte das gereicht, um den Angeklagten der versuchten schweren räuberischen Erpressung schuldig zu sprechen. In der Berufungsverhandlung sahen das nun alle Beteiligten einvernehmlich anders – sogar die Staatsanwaltschaft, die ursprünglich eine noch höhere Strafe angestrebt hatte.

„Die schlechten Gedanken eines Täters können nicht bestraft werden“, sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Göb. Darüber hinaus aber sei nichts Strafbares passiert: „Das Versuchsstadium ist nicht erreicht worden.“

Entschädigung für die Untersuchungshaft wollte das Gericht dem Angeklagten trotz des Freispruchs allerdings nicht zugestehen. „Das wäre unbillig“, erklärte Richter Erwin Carl. Schließlich habe sich der Mann durch seinen geplanten Raubüberfall selbst hinter Gitter gebracht.

Von Joachim F. Tornau

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