Kreml-Kritiker Jewgenij Urlaschow wird Korruption vorgeworfen – Stadt Kassel besorgt über Vorgänge in der Partnerstadt

Gericht setzt Bürgermeister von Jaroslawl ab

Abgesetzt: Jewgenij Urlaschow. Foto:  dpa

Kassel. Der Bürgermeister von Kassels russischer Partnerschaft Jaroslawl, Jewgenij Urlaschow, ist von einem russischen Gericht abgesetzt worden.

Nachdem kurz zuvor andere Kreml-Kritiker verhaftet worden waren, wurde vor zwei Wochen auch der Bürgermeister der 600.000-Einwohner-Stadt an der Wolga ins Gefängnis gesteckt und suspendiert. Ihm werde Korruption vorgeworfen, hieß es in den Medien. „Die Stadt Kassel ist entsetzt und tief besorgt über die Vorgänge in der Partnerstadt Jaroslawl“, sagte Brigitte Bergholter, die Beauftragte für die Städtepartnerschaftsangelegenheiten in Kassel.

Der 36-jährige Jurist Urlaschow ist Mitglied des Kreml-kritischen Bürgerkomitees der Partei Bürgerplattform des Großunternehmers Michail Prochorow. Der Politiker wollte bei den Wahlen zum Parlament des Gebiets Jaroslawl als Spitzenkandidat auf der Liste der Bürgerplattform antreten.

Mit 70 Prozent gewählt

Erst vor einem Jahr war er mit einer Mehrheit von 70 Prozent zum Bürgermeister von Jaroslawl gewählt worden.

In Kassel macht man sich Sorgen um das Schicksal Urlaschows. Bergholter: „Gleich nachdem ich von seine Absetzung erfahren habe, rief ich im Rathaus von Jaroslawl an, um mich zu erkundigen und nach Hintergründen zu fragen“, sagte sie. „Ich habe aber nicht herausbekommen können, was da los ist. Alles, was man mir sagte, war extrem zurückhaltend, um nicht zu sagen ausweichend. Es wurde nach Worten gerungen.“ Offiziell wisse man wohl auch in Jaroslawl nichts Näheres.

„Ich habe Urlaschow im Februar zum Auftakt unserer Jubiläumsfeierlichkeiten im Kasseler Rathaus kennengelernt“, sagte Bergholter. Sie habe ihn als „jungen, zurückhaltenden und sympathischen Menschen“ wahrgenommen. Da er kein Englisch spricht, sei eine tiefer gehende Kommunikation nicht möglich gewesen. In seiner Ansprache habe er seine Wertschätzung der Partnerschaft mit Kassel zum Ausdruck gebracht, aber nichts Spektakuläres gesagt.

Nach seiner Wahl im April 2012 zum Bürgermeister von Jaroslawl habe in der Stadt positive Aufbruchstimmung geherrscht, erinnert sich Bergholter, auch wenn Urlaschow nicht beabsichtigte, alles umzukrempeln. Bergholter: „Ich hoffe, dass der mit überwältigender Mehrheit gewählte Bürgermeister Urlaschow den von ihm eingeleiteten politischen Wandel fortsetzen kann und unsere partnerschaftlichen Beziehungen nicht beeinträchtigt werden.“

Trotz der unerfreulichen Nachrichten befürchtet Bergholter nicht, dass das Einfluss auf die Pläne für die Kasseler Jubiläumswoche im September haben wird. Die Stadt Jaroslawl, zu der die Partnerschaft im nächsten Jahr seit 25 Jahren besteht, habe sich mit einem halben Dutzend Kulturbeiträgen angemeldet. Bergholter: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass die auch alle teilnehmen werden.“

Von Christina Hein

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