Kasseler Amtsgericht

Attacke in Vellmar: Sozialdienst für Kopfstoß gegen Tramfahrer

Kassel. Reinhardt Hering hielt seine Mahnung allgemein. Doch angesprochen fühlen durfte sich nicht zuletzt die Polizei. „Mehr Vorsicht bei öffentlichen Verlautbarungen“ verlangte der Richter am Kasseler Amtsgericht, als er am Dienstag das Urteil im Prozess um die Attacke auf einen Tramfahrer in Vellmar verkündete.

Denn nach der Tat im April hatten die Beamten eine Pressemitteilung verschickt, mit der ein, wie sich jetzt vor Gericht herausstellte, nicht eben zutreffendes Bild des jungen Täters gezeichnet worden war.

Nur 50 Arbeitsstunden verhängte der Richter gegen den 20-Jährigen, der dem Straßenbahnfahrer an jenem Abend mit einem Kopfstoß das Nasenbein gebrochen hatte, und hielt dem Angeklagten dabei all das zugute, was die Polizei damals nicht mitgeteilt hatte. Oder sogar falsch.

Das sagt die Polizei:

"Die Presseveröffentlichungen der hiesigen Dienststelle stützen sich insbesondere bei zeitnaher Informationsweitergabe an die Medien auf erste Befragungen der Beteiligten durch die mit dem Fall betrauten Beamten, die anschließend in einem schriftlichen Bericht münden. Der erhobene Vorwurf, dass im Bericht der am Tatort eingesetzten Beamten nichts zum auffälligen Verhalten des 20-Jährigen steht, wird deutlich zurückgewiesen, da dies sehr wohl schriftlich fixiert wurde“, erklärte der Sprecher des Polizeipräsidiums Nordhessen, Torsten Werner, auf Anfrage der unserer Zeitung.

Schon während der Fahrt, so hatte es in der Pressemitteilung gestanden, habe sich der junge Mann „auffällig verhalten, indem er sich unflätig benahm und andere Fahrgäste belästigte“. Worauf sich diese Behauptung stützte, blieb vor Gericht völlig unklar: Im Bericht des am Tatort eingesetzten Streifenbeamten findet sich nichts davon. Und auch der Tramfahrer hat so etwas nie gesagt. Weil es ganz offensichtlich auch nicht stimmte.

Doch der Angriff auf den 46-Jährigen las sich dadurch wie ein grundloser Ausbruch von Jugendgewalt. Zu Unrecht, wie Richter Hering feststellte: „Der Eindruck, der durch die Berichterstattung hervorgerufen wurde, stimmt nicht.“ Denn unterschlagen wurde dabei die verbale Auseinandersetzung, die sich der 20-Jährige und sein späteres Opfer vor der brutalen Kopfnuss geliefert hatten. Und an deren Eskalation möglicherweise auch der Fahrer nicht ganz unschuldig war.

Zunächst hatten die Kontrahenten, die einige Wochen zuvor schon einmal aneinandergeraten waren, nur ein Wortgefecht geführt. Doch als der Angeklagte in Vellmar aussteigen wollte, rief ihm der Fahrer etwas hinterher, was den jungen Mann in Rage brachte. „Geh nach Hause zu deiner Mama!“, will der 46-Jährige gesagt haben. „Ich fick deine Mutter!“, soll es nach Darstellung des Angeklagten und seines Begleiters gewesen sein.

Als der 20-Jährige dem Tramlenker daraufhin vorhielt, dass seine Mutter an Krebs gestorben sei, soll der Mann mit weiteren Beleidigungen der Toten reagiert haben. Und trotz anderslautender Beteuerungen des Fahrers hielt das Gericht das für nicht zu widerlegen. „Es kann nicht ohne vernünftige Zweifel ausgeschlossen werden, dass diese tief greifend verletzenden Worte gefallen sind“, erklärte der Richter. Was die Tat natürlich nicht rechtfertige. Doch es lasse eine milde Sanktion ausreichend erscheinen. Zumal sich der Angeklagte auch noch Schmerzensgeld- und Schadenersatzforderungen gegenübersieht. (jft)

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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