Etwa 640 Zwangsräumungen jährlich

Gerichtsvollzieher am Amtsgericht Kassel: „Widerstand ist die Ausnahme“

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Matthias Grund

Kassel. Nach der tödlichen Geiselnahme in Karlsruhe herrscht auch unter den Gerichtsvollziehern am Amtsgericht Kassel Betroffenheit. Zwar sind keine Fälle bekannt, bei denen in der Region ein Gerichtsvollzieher zu Schaden kam. Konflikte gibt es aber häufig.

In Karlsruhe hatte am Mittwoch ein 53-jähriger Mann, als seine Wohnung zwangsgeräumt werden sollte, den Gerichtsvollzieher, einen Schlosser, den neuen Eigentümer der Wohnung sowie seine eigene Lebensgefährtin erschossen. Dann hat er sich selbst getötet.

Am Kasseler Amtsgericht, das für Stadt und Landkreis zuständig ist, sind 26 Gerichtsvollzieher tätig, drei davon in der Zweigstelle in Hofgeismar. Es sei ihm kein Fall bekannt, in dem einer der Gerichtsvollzieher bei seiner Arbeit zu Schaden gekommen sei, sagt Matthias Grund, Sprecher des Amtsgerichts, auf Anfrage.

Konflikte mit Schuldnern erlebten die Gerichtsvollzieher durchaus, allerdings ließen sich diese in aller Regel in Gesprächen lösen. „Es ist nach meinem Kenntnisstand die Ausnahme, dass Widerstand geleistet wird.“

Insgesamt gab es im Bereich des Amtsgerichts im vergangenen Jahr 31.700 Vollstreckungsaufträge. Dazu zählen auch Zwangsräumungen, die nicht gesondert erfasst werden. Der Anteil der Räumungen von Wohnungen und Gewerberäumen mache schätzungsweise zwei Prozent aus – also rund 640 Fälle im Jahr. Schwerpunktbereiche seien in Kassel Nordstadt, Mattenberg, Brückenhof, Helleböhn, Rothenberg und Bettenhausen.

Eine wichtige Voraussetzung für den Beruf des Gerichtsvollziehers seien gute kommunikative Fähigkeiten, sagt Grund, der selbst Richter am Amtsgericht ist. „Man braucht ein gewisses Menschengespür.“ Gerichtsvollzieher verhielten sich bei Pfändungen und Wohnungsräumungen in der Regel freundlich, aber bestimmt und versuchten im Konfliktfall, durch ihr Auftreten deeskalierend zu wirken.

Wenn es zu gefährlichen Situationen komme, berichteten Gerichtsvollzieher, breche man den Vollstreckungsversuch zur eigenen Sicherheit lieber ab, als ihn um jeden Preis durchzusetzen. Wenn sich schon im Vorfeld abzeichne, dass der Betroffene aggressiv reagieren könnte, werde vorsorglich die Polizei informiert.

Für eine Zwangsräumung muss der Gläubiger zunächst ein Räumungsurteil erwirken und kann dann einen Antrag beim Gerichtsvollzieher stellen. Mindestens drei Wochen vor dem Räumungstermin muss der Schuldner informiert werden. „Meist lässt man aber mehr Luft, etwa vier bis fünf Wochen“, sagt Grund. Zum Räumungstermin nimmt der Gerichtsvollzieher in der Regel einen Schlüsseldienst und eine Spedition mit. Wenn der Bewohner nicht da ist, wird die Tür geöffnet. Dann werden die Möbel von der Spedition ausgeräumt und eingelagert.

In vielen Fällen, berichtet Amtsgerichtssprecher Grund, erübrige sich die Räumung aber auch, weil der Schuldner die Wohnung zum Termin bereits aufgegeben habe.

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