Keine Hinweise auf tatsächliches Verbrechen

Gerücht um Kinderfänger: Von Opfern nichts bekannt

Kassel / Lohfelden. Die erste Anfrage landete vor dem 1. Mai im Polizeirevier Ost in Bettenhausen. Eine 13-jährige Schülerin schrieb in einer E-Mail, sie mache sich Sorgen über Warnungen, die über das soziale Netzwerk Facebook verbreitet werden. Da war von Kinderfängern und Organhändlern die Rede, die in Kassel unterwegs seien.

Polizeioberkommissar Markus Imke nahm sich des Falles an und teilte dem Mädchen mit, dass solche Verbrechen nicht begangen worden seien. Die Verbreitung der Horrornachrichten nahm aber ihren Lauf.

„Seit vergangenem Freitag ist unsere Verwaltung lahmgelegt“, sagt Ilse Eckhardt, Leiterin der Regenbogenschule in Lohfelden. Aufgeregte Eltern riefen an und berichteten, dass Kinder von Fremden angegangen worden seien. Weil in der Elternschaft das Bedürfnis nach Aufklärung bestehe, habe sie Anfang dieser Woche einen Brief geschrieben. Darin schilderte sie zum Beispiel, dass ein Kind nach Schulschluss von einem fremden Mann am Arm angefasst und aufgefordert worden sei, mit ihm zu gehen. Das Kind sei in den gegenüberliegenden Hort gelaufen.

Ihr sei von den Eltern aber nicht mitgeteilt worden, um welches Kind es sich handele. Daher könne sie auch nicht sagen, ob der Vorfall tatsächlich stattgefunden habe, sagt Eckhardt.

Das ist auch das Problem der Ermittler. „Uns liegen keine Hinweise auf ein konkretes Opfer vor“, sagt der Erste Polizeihauptkommissar Wilhelm Küllmer, Leiter des Reviers Ost. Küllmer hat großes Verständnis für die Angst der Eltern. Allerdings sei die Polizei darauf angewiesen, authentische Hinweise aus der Bevölkerung zu bekommen. „Es reicht nicht, dass uns Leute anrufen und sagen, dass sie einen weißen Kastenwagen gesehen haben.“

Manchmal sei es auch sinnvoll, den gesunden Menschenverstand einzuschalten. In Lohfelden sei auch das Gerücht kursiert, dass die Kinderfänger in einem Fahrzeug, das als Eiswagen getarnt sei, umherführen. „Wo ist bei solchen Temperaturen schon ein Eiswagen unterwegs?“, fragt Küllmer.

Zudem sei die Polizei auf zeitnahe Information angewiesen. In der Nacht zum Mittwoch habe um kurz vor Mitternacht ein Mann aus Lohfelden angerufen und berichtet, dass seine Tochter bereits am Nachmittag von einem Mann in einem weißen Kastenwagen nicht nur angesprochen, sondern auch vom Fahrrad geschubst worden sei. Das Mädchen habe die Tat in denselben Worten geschildert, die im Brief der Regenbogenschule benutzt worden seien, sagt Imke.

Dass die Polizei die Fälle ernst nimmt, wird an folgendem Beispiel deutlich: In dem Elternbrief wird auch berichtet, dass ein Junge bei einer „Tanz-in-den-Mai“-Veranstaltung am 30. April vor dem Festgelände in Vollmershausen von einem Fremden aus einem Auto heraus angesprochen und aufgefordert worden sei, einzusteigen. Das Kind sei weggelaufen. Mittlerweile hat die Polizei den Jungen ermittelt. „An der Geschichte ist nichts dran“, sagt Polizeisprecher Wolfgang Jungnitsch. Der Junge habe gegenüber der Kripo erklärt, dass er nur ein Auto gesehen habe, das weggefahren sei.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

Rubriklistenbild: © dpa

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