„Geschäfte mit der Not gemacht“

26-Jähriger als Mitglied von Schleuserbande verurteilt

Kassel. Manchmal schwappt das Elend der halben Welt in einen kleinen Gerichtssaal: „Lampedusa in Kassel“ - so beschrieb Richter Klaus Döll das Themenfeld, mit dem er es jetzt am Kasseler Amtsgericht zu tun bekam.

Vor ihm saß ein 26-jähriger Eritreer, der am Ende des Prozesses als Mitglied einer Schleuserbande zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Ein Mann aber auch, der wohl mit 17 oder 18 Jahren selbst aus seiner Heimat geflohen und via Sudan und Libyen auf der durch Flüchtlingsdramen bekannten italienischen Insel gelandet war.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der 26-Jährige im vergangenen Jahr dreimal gegen Bezahlung Gruppen illegal eingereister Eritreer Richtung Skandinavien weiterschleuste. Zudem wurde er wegen einer Schwarzfahrt und wegen Verstößen gegen das Aufenthaltsgesetz verurteilt.

Für all das wurde eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verhängt – und zur Bewährung ausgesetzt. 150 Stunden gemeinnützige Arbeit soll der 26-Jährige ableisten. Er habe zu denen gehört, die „aus der Not der anderen ein Geschäft machen“, hielt ihm Richter Döll vor. In der Schleuser-Organisation aber sei er „eine Randfigur“.

In Kassel war der Fall verhandelt worden, weil der Angeklagte hier eines Tages beim Umsteigen festgenommen worden war. Fahrkarten kaufen, Flüchtlinge im Zug bis Skandinavien begleiten – notfalls in mehreren Anläufen - soll seine Rolle gewesen sein. Mit wem er zu fahren hatte, sollen andere geregelt haben. Frankfurt soll ein zentraler Punkt im Schleuser-Netz sein.

„Da wird nichts aus Nächstenliebe gemacht. Da geht es rein ums Geld“, betonte ein Beamter der Bundespolizei, den das Gericht zu den Ermittlungen gegen die mutmaßliche Bande vernahm. Für jeden Teilabschnitt von Eritrea bis Skandinavien würden die Flüchtlinge neu zur Kasse gebeten. Gegen zwei Frauen, die nicht mehr zahlen konnten, soll es sexuelle Übergriffe anderer Bandenmitglieder gegeben haben.

Solche Informationen, die in der Anklageschrift aufgeführt seien, hätten nach und nach auch seinen Mandanten überzeugt, dass er sich strafbar gemacht habe, erklärte Verteidiger Jan Hörmann in seinem Plädoyer. Der 26-Jährige habe sich anfangs auf den Standpunkt gestellt, er habe „Landsleuten geholfen“. Zugleich verwies Hörmann auf größere Zusammenhänge: kaum legale Einreisemöglichkeiten, aber schlimmste Zustände in Teilen Afrikas: „Wir gucken im Prinzip alle weg.“

Sein Mandant versicherte, er wolle nichts mehr mit Schleusern zu tun haben. Nach dem Prozess sollte er sich unverzüglich bei einer Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge melden – um nicht, kaum in Freiheit nach vier Monaten Untersuchungshaft, sofort wieder gegen das Aufenthaltsgesetz zu verstoßen.

Von Katja Schmidt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.