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Geschenk als Machtinstrument: Kasseler Professor über Tücken bei der Bescherung

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Von: Katja Rudolph

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Große Geschenke werden an Weihnachten überreicht: Sie können das Gegenüber auch beschämen.
Große Geschenke werden an Weihnachten überreicht: Sie können das Gegenüber auch beschämen. © Gerald Matzka/dpa

In diesen Tagen sind viele Menschen damit beschäftigt, die Geschenke fürs Fest zu besorgen. Schenken ist allerdings mit Hürden verbunden, erklärt ein Kasseler Professor.

Kassel – Warum Schenken ein komplizierter und tückischer Akt ist, haben wir mit Professor Daniel Hornuff von der Kasseler Kunsthochschule besprochen.

Wie halten Sie es mit dem Schenken?

Ich bin ein total schlechter Schenker. Ich investiere oft viele Gedanken in ein Geschenk, und dann kommt es meist so halbgut an. Inzwischen haben wir es im Familien- und Freundeskreis pragmatisch geregelt. Wir schenken uns einen gemeinsamen Tag oder Abend. Mich entlastet das ungemein.

Mit einem Geschenk will man einem anderen Menschen eine Freude machen. Eigentlich eine klare Sache, oder?

Jein. Vordergründig geht es zwar um Aufmerksamkeit und Wertschätzung für den Beschenkten. Aber wenn ich jemandem ein Geschenk mache, sage ich durch das Was und Wie des Schenkens auch etwas über mich. Ich will ein bestimmtes Bild von mir vermitteln – etwa als besonders großzügig oder als gewitzt-kreativ. Das ist das eigentlich Interessante am Schenken, dass es immer um Fremd- und Eigenbilder geht.

Dient ein Geschenk nicht vor allem dazu, eine Beziehung zu stärken?

Ja, durchaus. Vor allem ein Geschenk, das überraschend kommt, kann ein Signal sein: Mir ist unsere Beziehung wichtig und ich investiere in sie. Aber es kann auch eine Geste der Überlegenheit sein. Zum Beispiel, wenn ich ein ungewöhnlich teures Geschenk einer Person mache, die nie in der Lage wäre, selbst so etwas zu verschenken. Damit kann ein Signal der Potenz gesendet werden: Schau mal, was ich leisten kann.

Gerade im Wissen, dass jemand wenig hat, möchte man vielleicht großzügig schenken. Ist das der falsche Gedanke?

Es kommt auf die Art und Weise der Beziehung und der Geschenkübergabe an. Es kann sein, dass es für beide Seiten okay ist. Das hängt wiederum von der Geschenkbiografie ab, die die beiden besitzen. Aber gerade daher kann ein Geschenk eine Person auch überfordern oder sogar beschämen. Weil sie nicht weiß, wie sie es erwidern soll.

Sollte Schenken nicht selbstlos sein, ohne Erwartung einer Gegenleistung?

Aus jedem Geschenk folgt die Aufforderung, eine Antwort zu geben. Auch Danke sagen zu müssen, setzt den Beschenkten gewissermaßen in eine untergeordnete Rolle. Oder der Beschenkte steht vor der Herausforderung, ein Gegengeschenk zu suchen. Diesem fehlt dann aber die eigene Initiative: Es bleibt eine Reaktion und ist damit weniger selbstlos. Das verleitet Menschen auch dazu, mehr zu schenken, als sie eigentlich schenken wollen oder können. Sie wollen unbedingt vermeiden, vom Gegenüber überboten zu werden.

Was bedeutet es, der überlegene Schenkende zu sein?

Das größere, wertvollere Geschenk zu machen, kann etwas Selbstüberhöhendes haben. Wenn sich jemand damit vielleicht sogar auf Instagram oder anderen Kanälen präsentiert, wird umso deutlicher: Das Geschenk und letztlich auch der Beschenkte werden benutzt, um das eigene Image zu polieren.

Wie bei der Geldspende eines Unternehmens?

Ja, das ist ähnlich gelagert. Eine Spende ist zunächst ein Akt der Unterstützung und Hilfe. Die Frage ist, ob man es öffentlich kommuniziert oder für sich behält. Bei Unternehmen würde ich das pragmatisch sehen und nicht zu hohe moralische Kriterien anlegen. Es ist gut, dass Firmen und Konzerne Geld für wünschenswerte Zwecke geben – insbesondere in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Es wäre naiv zu glauben, dass das aus Selbstlosigkeit geschieht. Unternehmen verfolgen auch damit ein ökonomisches Ziel. Gleichwohl begibt man sich mit einer öffentlichen Kommunikation auf einen schmalen Grat.

Inwiefern?

Das Öffentlichmachen einer Spende kann animierende Funktion haben: Es kann auf Not und Missstände aufmerksam machen, um auch andere zu motivieren, etwas zu geben. Aber es schwingt immer auch ein Stück Selbststilisierung mit und eine gewisse Abwertung des Empfängers der Spende. Eher als bei Firmen finde ich es bei Privatpersonen problematisch, wenn die Spende als Heldentat verkauft wird.

Selbstloses Schenken gibt es aber doch gegenüber Kindern. Insbesondere wenn sie an Christkind oder Weihnachtsmann glauben, kann der Schenkende ja keine Gegenleistung erwarten.

Nicht ganz. Gerade Eltern neigen dazu, sich unter Geschenkedruck zu setzen: Als sei nur das Überragende und Außergewöhnliche für das Kind gut genug. Umso mehr wohnt auch diesen Geschenken ein Interesse inne. Und von anderen wird Kindern mitunter etwas geschenkt, um bei deren Eltern Eindruck zu schinden. Kinder sind glücklicherweise ehrliche Geschenkempfänger. Kaum ein Erwachsener lehnt ein Geschenk ab, würde man damit doch den Schenkenden verletzen. Selbst bei schrecklichsten Geschenken wird Dank und Freude bekundet. Kinder hingegen zeigen unmittelbar, wenn sie ein Geschenk nicht mögen. Interessant ist dann zu sehen, ob die schenkende Person die Souveränität und Gelassenheit besitzt, damit cool umzugehen.

Gibt es einen Unterschied beim Akt des Schenkens am Geburtstag und beim massenhaften Geschenketausch an Weihnachten?

Ja, vor allem in der Art der Geschenkübergabe. An Weihnachten wird idealerweise jeder beschenkt. Am Geburtstag steht nur das Geburtstagskind im Mittelpunkt. Auch bei der Reaktion auf das Geschenk ist diese Position dann noch exponierter. Kommunikativ ist der Geburtstag die herausforderndere Situation.

Sie haben einmal gesagt, dass Geschenke eine politische Dimension haben. Was meinen Sie damit?

Geschenke spielen auch in der Politik eine Rolle. Man spricht etwa von Wahlgeschenken, meist ist das ein Vorwurf gegenüber dem politischen Gegner. Ich halte das für einen folgenreichen Vorwurf. Denn damit werden die Logik des Schenkens und die damit verbundenen Abhängigkeiten auf die Politik angewendet. Es wird suggeriert, dass Menschen frei manipulierbar wären durch solche Geschenke. Das aber nimmt die Wähler und ihre politische Urteilskraft nicht ernst.

Also ist die Abhängigkeit durch Schenken vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen wirksam?

Grundsätzlich ja. Allerdings darf man nicht unterschätzen, dass Geschenke zunehmend Gegenstand von Gesprächen sind. Es gibt nicht mehr so eine raunende Geheimnistuerei, das Schenken wird transparenter.

Ist das gut oder schlecht?

Ich finde das gut. Weil alles, was im Gespräch ist, von verschiedenen Seiten beleuchtet werden kann und damit Dominanzverhalten unwahrscheinlicher wird. Die Chance, dass mich jemand durch ein Geschenk beschämt, wird geringer.

Bei dem Versprechen „Wir schenken uns nichts“, klappt das aber auch nicht immer.

Weil es oft einen gibt, der das Versprechen bricht. Die Person hält sich dann gern zugute, dass gerade dies besonderer Ausdruck ihrer Zuneigung sei. Dabei hat man sich einfach nicht an die Absprache gehalten. Die Dynamik ist dieselbe wie beim Übertrumpfen mit dem angeblich tollsten Geschenk.

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