Seine Familie überlebte mit Glück

Die Geschichte der Bombennacht lässt ihn nicht los

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Hartmut Müller präsentiert die Bescheinigung, die ein Polizeibeamter am Morgen nach der Bombennacht für seine Mutter ausstellte.

Kassel. Hinter einem kleinen Zettel, der im Stadtmuseum ausgestellt ist, verbirgt sich eine dramatische Geschichte. Der Besitzer des Dokuments, Hartmut Müller, hat sie uns erzählt.

In trockenstem Beamtendeutsch wurde am 23. Oktober 1943 auf einem Stück Papier die Zerstörung von Hartmut Müllers Elternhaus bestätigt. „Der Elfriede Müller (Ehefrau), wohnhaft Kassel, Wolfsschlucht Nr. 12, wird bescheinigt, dass das Wohnhaus bombengeschädigt ist“. 

Die Geschichte der Bescheinigung, die nun im Stadtmuseum zus sehen ist, und die der Bombennacht lassen den heute 72-Jährigen nicht los. „Die Katastrophe wurde verwaltet. Das macht mich fassungslos“, sagt er.

Obwohl Müller selbst erst ein Jahr später geboren wurde, sagt er heute: „Je älter ich werde, desto mehr packt mich der Gedanke, dass ich mein Leben einem Ereignis verdanke, bei dem tausende Menschen gestorben sind.“ Seine Stimme bebt bei diesem Satz. 

Eine Nahaufnahme der Bescheinigung

Müllers Familiengeschichte ist von glücklichen Zufällen in einer unglücklichen Zeit geprägt. Und sie verdeutlicht den „Aberwitz“, wie er es nennt, der letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges.

Seine Mutter Elfriede lebte in der Wolfsschlucht, dort ist heute der Eingang der Königs-Galerie. Der Ehemann war weit weg, in Russland, an der Front. Kurzfristig entschied sie an jenem Abend zu Hause zu bleiben und nicht zu Freunden zu gehen, die die bevorstehende Bombennacht nicht überleben sollten. Ein Zufall.

Sie erlebte eine Nacht wie viele andere Kasseler. Flucht in den Schutzkeller, dann Flucht nach draußen, weil die Luft knapp wurde. Die vierjährige Tochter war, glücklicherweise, in einem Fuldaer Krankenhaus, sie litt an Scharlach. An der Ostfront erfuhr der Vater von den schrecklichen Ereignissen in Kassel, bekam Heimaturlaub. 

Am alten Wohnhaus in Kassel fand er auf den Trümmern eine Kreidenachricht seiner Frau, sie sei bei den Eltern im osthessischen Bad Salzschlirf, nah bei der Tochter. Als der Vater sie besuchte, steckte er sich bei der Vierjährigen an. Zurück an der Front brach auch bei ihm Scharlach aus. Zum Glück.

Er kam in ein Lazarett nach Mecklenburg, die russischen Truppen töteten währenddessen die Letzten seiner Einheit. Auch die Mutter war in Mecklenburg untergekommen, bei Verwandten. Acht Monate später wurde Hartmut Müller geboren. Seine Zwillingsschwester starb bei der Geburt.

Der Vater musste derweil wieder an die Front. Mit einem Kasseler Polizei-Bataillon wurde er Anfang 1945 als Sanitäter an die Ostfront an der Oder geschickt. „Was für eine sinnlose Vergeudung von Leben“, bricht es heute aus seinem Sohn heraus, wenn er an den schier endlosen Kampf des Dritten Reiches denkt. 

Der Vater aber hatte erneut Glück. Er bekam einen Marschbefehl gen Westen und sollte sich um einen Verletzten kümmern.

Irgendwann wurde er von britischen Soldaten festgesetzt. Als das Konzentrationslager Bergen-Belsen befreit wurde, war er mit dabei. 

Heute weiß Hartmut Müller, welches Grauen sein Vater, nicht nur bei der Befreiung des Konzentrationslagers, ertragen musste. Sein Vater starb 1961 und nahm die schrecklichen Erinnerungen mit ins Grab.

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