Jogger Hartmut Neugebauer bietet ganz besondere Stadtführungen in Kassel an

Geschichte im Dauerlauf

Laufen und erklären: Der joggende Stadtführer Hartmut Neugebauer (von links) führt Martin Werner, HNA-Testläufer Max Holscher und Matthias Oesterheld durch die Stadt. Foto: Schachtschneider

Kassel. Der langsamste Läufer bestimmt das Tempo –- also ich. Doch um Schnelligkeit geht es bei der gejoggten Stadtführung von Hartmut Neugebauer sowieso nicht. Sondern darum, sich zu bewegen, frische Luft zu schnappen und dabei etwas über die Stadtgeschichte zu erfahren.

Stadtführung, das heißt häufig, dem Führer mit dem erhobenen Regenschirm hinterherzutrotten und von vielen Infos überfordert zu werden. Die Folge: Der Zuhörer schaltet ab. Dieser Gefahr läuft man bei der „Sightseeingtour“ von Hartmut Neugebauer einfach davon.

Erklärungen zu Sehenswürdigkeiten fallen in kurze Joggingpausen. Bevor geistige Abwesenheit eintritt, geht es wieder in den Laufschritt. „Ich möchte den Menschen Spaß und Information bieten“, sagt der 57-jährige Neugebauer. Seit dem vergangenen Jahr bietet der frühere Telekom-Angestellte Läufe durch die Stadt, Karlsaue, Bergpark sowie kombinierte Touren an. Heute geht es durch die Stadt: sieben Kilometer und 75 Minuten für acht Euro.

Im gemütlichen Tempo joggt unsere Gruppe von Ultramarathon-, Marathonläufern und mir am Staatstheater los. Auf einen kurzen Abriss zur Theatergeschichte folgen Erklärungen über das documenta-Kunstwerk Haus-Rucker-Rahmen, das die Orangerie ins rechte Licht rücken soll.

Wir traben die Du-Ry-Straße hinunter in Richtung Orangerie, wo unsere Gruppe durch das Fenster einen Blick ins das von Landgraf Karl in den 1720er Jahren erbaute, aber nie benutzte Marmorbad werfen kann. Nach wenigen Minuten ist klar: Joggen und Kultur – das passt.

Der gebürtige Witzenhäuser, der 30 Jahre in Kassel arbeitete, führt uns am Auedamm über die Drahtbrücke. Ohne Pause geht es durch die Unterneustadt. „Laufen war schon immer mein Ding, auch als ich noch Fußball gespielt habe“, sagt Neugebauer, der in diesem Jahr beim Eon-Marathon antritt. Zwischendrin zückt er alte Bilder von Kassel aus dem Brustbeutel.

Nachdem wir die Karl-Branner-Brücke hinter uns gelassen haben, erreichen wir den Zisselbrunnen.

Es folgt wieder eines von vielen „Aha-Erlebnissen“: Die Kasseler Altstadtoriginale Ephesus und Kupille sollen die steinernen Gesichter in dem Brunnen darstellen. Ein Beispiel für den Humor der beiden hat der joggende Stadtführer auch parat. Ephesus und Kupille vor Gericht: „Herr Kupille, hat das Fenster bei dem Einbruch offen gestanden oder war es geschlossen?“ Kupille: „Herr Richter, offen gestanden – geschlossen.“ Ein kurzer Lacher, dann geht es weiter durch die Innenstadt zum Brüder-Grimm-Platz, dem Weinberg und wieder zurück zum Staatstheater.

Fazit: Wer gelegentlich joggen geht und etwas über die Geschichte Kassels erfahren will, dem kann die Stadtführung absolut empfohlen werden.

Angst vor zu hohem Tempo oder einer zu langen Strecke muss niemand haben. Es gibt genügend Erklärpausen. Acht Euro kostet die Tour an festen Terminen. 25 Euro nach Vereinbarung. Infos: www.sightrunning-kassel.de und Tel. 0151/28445830.

Von Max Holscher

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