Diskussion um Raucherpausen – Rathaus-Mitarbeiter müssen Arbeitszeit erfassen

Vor die Tür geschickt

Rauchfreies Rathaus: Jakub Komeda, städtischer Mitarbeiter im Jobcenter, muss für eine Raucherpause nach draußen gehen. Foto:  Malmus

Kassel. Für Raucher wird auch am Arbeitsplatz die Luft immer dünner. Jetzt haben Wirtschaftsverbände des Mittelstands gefordert, Raucherpausen während der Arbeitszeit komplett abzuschaffen. Raucherpausen stören den Arbeitsablauf in den Betrieben, lautet das Hauptargument des Unternehmerverbandes. Wir haben uns bei Betrieben in der Region Kassel zu diesem Thema umgehört.

Für städtische Mitarbeiter, die ab und zu eine Raucherpause einlegen, geht dies nicht zulasten der Arbeitszeit, sagt die Pressesprecherin der Stadt Kassel, Petra Bohnenkamp. Denn wer zum Beispiel im Rathaus-Innenhof oder vor einem der Eingänge einen Glimmstängel anzündet, der muss zuvor beim elektronischen Zeiterfassungssystem auschecken. Wer dies öfter tut, muss entsprechend länger dableiben, um die Soll-Arbeitszeit zu erfüllen. Wie viele der insgesamt rund 2500 städtischen Mitarbeiter rauchen, weiß man nicht, „aber es sind deutlich weniger als früher“, hat auch Petra Bohnenkamp beobachtet.

Für Raucher ist es in den vergangenen Jahren ja auch nicht leichter geworden. Seitdem 2004 die Arbeitsstättenverordnung geändert wurde, gilt ohnehin, dass kein Arbeitnehmer mehr den Zigarettenqualm eines Kollegen einatmen muss. So gibt es heute auch in unserer Region kaum noch Büros oder Werkstätten, in denen gequalmt wird. Meist werden rauchende Mitarbeiter vor die Tür geschickt, um ihrer Sucht nachzukommen.

So ist es auch bei Wintershall und der Wingas-Gruppe, die in Kassel rund 12 000 Mitarbeiter zählt. Dort wird die Ausfall-Zeit für Raucherpausen nicht erfasst, erläutert Pressesprecherin Verena Sattel. Man setze vielmehr auf ein Vertrauensarbeitszeitmodell. Demnach könne jeder Mitarbeiter seine Pausen so einteilen, wie es sich mit seiner Arbeit und der Pausendringlichkeit vereinbaren lasse, sagte Sattel.

„Am Arbeitsplatz darf nicht geraucht werden“, sagt auch Rudi Stassek, Sprecher bei VW in Baunatal, wo 15 500 Frauen und Männer beschäftigt sind. „Wir haben dafür Raucherecken und Raucherräume.“ Einige Beschäftigte nutzten ihre Pausen zum Rauchen, „andere gehen, wenn’s passt“.

VW setzt laut Stassek derzeit noch auf Appelle an die Raucher. Vorschriften oder gar ein Verbot gebe es nicht. An erster Stelle nennt der VW-Sprecher gesundheitliche Aspekte, die Zigarette liegen zu lassen. Außerdem passe es nicht zu den Produkten und zur Sauberkeit in der Fabrik, „dass geraucht wird und Asche herumfliegt“.

Ein großer Arbeitgeber der Region rechnet vor: Wenn ein Arbeitnehmer sechs Zigaretten pro Tag raucht und pro Raucherpause zehn Minuten weg ist vom Arbeitsplatz, dann fielen bei 200 Arbeitstagen im Jahr 200 Stunden Arbeitszeit weg. Das bedeute für diese Arbeitnehmer bei einer 35 Stunden-Woche über fünf Wochen zusätzlichen Urlaub.

Von Sven Kühling und Martina Heise-Thonicke

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