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Letzter Wunsch einer 92-jährigen Diakonisse erfüllt sich in Rosenkranzkirche

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Von: Thomas Siemon

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Die Christusfigur in der Rosenkranzkirche am Bebelplatz: Pfarrer Paul Schupp (von links), Hannelore Weißmann und Renate Werner-Friedrich haben den letzten Wunsch der ehemaligen Diakonisse erfüllt.
Die Christusfigur in der Rosenkranzkirche am Bebelplatz: Pfarrer Paul Schupp (von links), Hannelore Weißmann und Renate Werner-Friedrich haben den letzten Wunsch der ehemaligen Diakonisse erfüllt. © Andreas Fischer

Sie kann jetzt in Frieden ruhen. Denn kurz vor ihrem Tod vor zwei Jahren hatte die frühere Kasseler Diakonisse Ottilie Weißmann ihren Angehörigen einen letzten Wunsch mitgeteilt. Der hat sich jetzt erfüllt.

Kassel - Die geschnitzte Christusfigur, die Ottilie Weißmann seit ihrer Jugend begleitet hatte und auch neben ihrem Sterbebett in Marburg stand, sollte zurück nach Kassel. Dort hat sie den Christus im Krieg aus einer brennenden Kirche gerettet. Zu der Zeit hieß sie noch Ottilie Wagner und machte ihre Schwesternausbildung als Diakonisse.

Wo die gläubige Frau, die 92 Jahre alt wurde, die 60 Zentimeter große Figur genau gefunden hat, lässt sich nur noch rekonstruieren. „Darüber haben wir mit ihr nicht mehr geredet“, sagt ihre Nichte Renate Werner-Friedrich. Sie wohnt in Fuldabrück und hatte vor zwei Jahren Kontakt mit der HNA aufgenommen. Ihre Hoffnung war es, dass sich vielleicht jemand meldet, der mehr über die Christusfigur weiß.

Eindeutige Belege gibt es zwar nicht, aber Pfarrer Paul Schupp von der katholischen Rosenkranzkirche hält es trotzdem für wahrscheinlich, dass die Figur früher in dem Gotteshaus am heutigen Bebelplatz stand. Als die Angehörigen der früheren Diakonisse ihn ansprachen, sei er zunächst noch skeptisch gewesen. Auch von den älteren Gemeindemitgliedern habe sich niemand an die Figur erinnern können. Dann kam er aber auf die Idee, dass sie in der Sakristei gestanden haben könnte. Dort, wo eigentlich nur der Pfarrer regelmäßig hinkommt. Da sein Vorgänger von damals längst gestorben ist, ließ sich das nicht klären.

Doch es gibt gute Gründe dafür, dass die Vermutung zutreffend sein könnte. Die Adresse des Diakonissenkrankenhauses war damals die Kaiserstraße, die in diesem Bereich des Vorderen Westens heute Goethestraße heißt. Einige der Kirchen im Umfeld wurden in der Kasseler Bombennacht vom 22. Oktober 1943 beschädigt. Aber auch später gab es noch Luftangriffe. So ging die Rosenkranzkirche nach einem Bombentreffer am 29. September 1944 in Flammen auf. Das würde ebenso wie die Nähe zum Krankenhaus zu der Geschichte von Ottilie Weißmann passen.

Die ist nach dem Krieg bei den Diakonissen ausgetreten. Dafür gab es einen guten Grund, denn sie wollte entgegen ihrer ursprünglichen Pläne doch noch heiraten. Der Schwesternschaft war sie allerdings immer dankbar für die Ausbildung. In dem Beruf als Krankenschwester hat sie später gearbeitet und ihr Diakonissenkleid über all die Jahre aufbewahrt. In dem Kleid wollte sie auch beerdigt werden.

Dieser Wunsch wurde bereits erfüllt, einer aber war noch offen. Bis vor wenigen Tagen, denn die Christusfigur ist nach Kassel zurückgekehrt. „Ich bin froh, dass sie einen Platz gefunden hat“, sagt Hannelore Weißmann, die Tochter der früheren Diakonisse. Zusammen mit ihrer Cousine Renate Werner-Friedrich hat sie die Figur an den Pfarrer übergeben. In der Rosenkranzkirche wird sie in der Sakristei stehen. Dort, wo sie möglicherweise bis zu dem Bombentreffer 1944 hingehörte.

Im Gottesdienst an Heiligabend will Pfarrer Paul Schupp die Figur der Gemeinde präsentieren. Die habe über so viele Jahre Trost und Geborgenheit im Glauben gespendet, sagt er. In einer Zeit der Pandemie und der Ängste sei das besonders wichtig. Er freue sich jedenfalls, den letzten Willen einer gläubigen Frau erfüllen zu können. (Thomas Siemon)

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