Interview: Die aus Kassel stammende Michelle Piccirillo hat den Verein „Typisch Deutsch“ gegründet

„Gespürt, dass ich anders bin“

Kassel/Berlin. Michelle Piccirillo ist in Kassel geboren und aufgewachsen, hat aber ausländische Wurzeln. Mit anderen jungen Menschen ausländischer Herkunft hat sie jetzt den Verein „Typisch Deutsch“ in Berlin gegründet. Im Interview verrät sie, warum sie sich als „neudeutsch“ ansieht.

Frau Piccirillo, was heißt „neudeutsch“?

Michelle Piccirillo: Die Begriffe neudeutsch und altdeutsch unterscheiden zwar Menschen mit ausländischen Wurzeln von in Deutschland Geborenen, neudeutsch klingt aber weicher als zum Beispiel „Migrationshintergrund“. Wir vom Verein Typisch Deutsch wollen sagen, dass es durchaus noch Unterschiede gibt, durch Begriffe soll sich aber niemand ausgegrenzt fühlen.

Sie haben Wurzeln in verschiedenen Ländern. Wie stehen Sie dazu?

Piccirillo: Ich habe ambivalente Gefühle, was meine Nationalität betrifft. Die doppelte Staatsbürgerschaft ist leider nicht möglich, da meine Eltern Amerikaner sind. Typisch Deutsch ist für mich ein toller Verein, wo ich mit anderen über die Bedeutung von Herkunft diskutieren kann.

Haben Sie sich als Kind in Kassel wohlgefühlt?

Piccirillo: Ja, aber in der Grundschule habe ich gespürt, dass ich anders bin. Denn mein Nachname ist schwierig auszusprechen, zudem bin ich jüdisch, was außergewöhnlich war, und wegen meines Aussehens wurde ich oft für eine Türkin gehalten. Ich wurde nicht diskriminiert, aber meine Herkunft war immer ein Thema.

Sind die Berliner offener?

Piccirillo: Dort ist die Erfahrung mit verschiedenen Kulturen größer. Sehr viele Berliner sind Zugezogene. In Kassel ist es mittlerweile vielleicht auch anders.

Welchen Bezug haben Sie noch zu Kassel?

Piccirillo: Meine Eltern wohnen in Kassel. Und ich bin oft beruflich dort. Zuletzt kam ich 2010 für ein halbes Jahr für die Organisation des Dokumentarfilm- und Videofestes nach Kassel.

„Typisch deutsch“ heißt für viele Pünktlichkeit, Fleiß und wenig Humor. Ihr Verein will Deutschsein neu definieren. Was ist für Sie typisch deutsch?

Piccirillo: Eine bunte Gemeinschaft von Menschen mit verschiedenen Kulturen, Herkunftsländern und Sprachen.

Ist Ihr Verein schon so bunt?

Piccirillo: Das ist ein hoher Anspruch, aber der Verein ist für alle Menschen offen. Unsere Eltern sind zum Beispiel aus Ghana, Italien, Türkei, Iran, Korea, Syrien, Libanon, Afghanistan.

Was macht der Verein konkret? Piccirillo: Wir haben verschiedene Projekte gestartet, zum Beispiel gehen wir in Schulen und sprechen über Konflikte zwischen Alt- und Neudeutschen. Wir diskutieren mit Schülern über ihre Identität.

Was kommt dabei rum?

Piccirillo: Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Schulbesuch, als ein Schüler aussah wie ein Rabauke, und als ob er deutschfeindlich sein könnte. Er überraschte uns, indem er sagte, er sei Deutschland total dankbar und es gehe ihm super hier.

Könnte es den Verein bald auch in Kassel geben?

Piccirillo: Wir wünschen uns weitere Ortsgruppen. In Kassel wäre das möglich, denn dort gibt es auch viele Neudeutsche, die sich gerne engagieren. Wie sieht Deutschland in 20 Jahren aus?

Piccirillo: Ich wünsche mir, dass es zwar noch von Interesse sein wird, wo man herkommt, aber dass Menschen dadurch nicht ausgegrenzt werden. Eine Gesellschaft mit Einflüssen aus verschiedenen Ländern hat so viele Vorteile. Die Kultur wird vielfältiger, und wirtschaftlich gesehen ist es gut, wenn zum Beispiel in Firmen mehrere Sprachen gesprochen werden.

Sind Sie in 20 Jahren „altdeutsch“?

Piccirillo: Ich kann erst als altdeutsch gelten, wenn andere mich so akzeptieren. Das würde ich mir wünschen. Einwanderer sollten generell als Deutsche beziehungsweise Neudeutsche akzeptiert werden. Aber sie sollten auch zu diesem Land mit seinen tollen Rechten stehen.

Von Stefanie Dietzel

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