Gestrandete fuhren mit Taxi weiter

Wintereinbruch in Kassel: Trotz Schneemassen blieb Chaos aus – Jetzt wird es klirrend kalt

Die Bahn hatte den Reisenden einen „Aufenthaltszug“ in Kassel zur Verfügung gestellt.
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Stopp in Kassel: Die Bahn hatte den Reisenden einen „Aufenthaltszug“ zur Verfügung gestellt.

Kassel lag am Wochenende genau zwischen zwei Luftmassen, die Deutschland Schnee, Eis und weitere Überschwemmungen brachten. Auch der Zugverkehr war betroffen.

Kassel - Der Winter ist am Sonntag wie angekündigt mit voller Wucht zurückgekommen. Seit Sonntag machen die Schneemassen auch den Menschen in Kassel und der Region zu schaffen. Das ganz große Winter-Chaos ist bei bis zu 20 Zentimetern Neuschnee allerdings ausgeblieben.

Die Polizei vermeldete nur einzelne Verkehrsunfälle mit kleineren Blechschäden. Auch die Feuerwehr verzeichnete keine vermehrten Einsätze. Insgesamt verhielten sich die Kasseler sehr besonnen und blieben wohl größtenteils zuhause, hieß es.

Für das Zusammenspiel von Wetter und Corona gibt es schon ein eigenes Wort: Flockdown. Die vielen Schneeflocken und glatten Straßen sorgen dafür, dass die Menschen im Lockdown verstärkt zuhause bleiben.

Das wird wohl auch heute so bleiben, wenn es bei Dauerfrost zunächst weiter schneien und klirrend kalt werden soll – bis zu minus 12 Grad. In den kommenden Nächten kann das Thermometer sogar bis zu minus 18 Grad anzeigen.

Wer nicht im Homeoffice arbeiten kann, muss sich weiter auf starke Einschränkungen im Verkehr einstellen. Bereits am Sonntag kam es im öffentlichen Nahverkehr zu Streckensperrungen, Ausfällen und Verspätungen. Am Abend stellte die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft den Betrieb auf den Straßenbahnlinien 1 bis 8 ein. Auch Regiotrams fuhren nicht mehr in der Stadt. Heute sei ebenfalls mit Verspätungen und Ausfällen zu rechnen, sagte eine Sprecherin.

Auch im Fernverkehr brauchten Passagiere am Sonntag Geduld. Wegen des vielen Schnees war die ICE-Nord-Süd-Achse unterbrochen. Züge auf dem Weg nach Norden mussten in Kassel stoppen und wieder Richtung Süden fahren.

Reisende, die in Kassel gestrandet waren, erhielten Taxi-Gutscheine und Gutscheine für eine Hotelübenachtung. Die Bahn-Tickets bleiben eine Woche lang gültig.

Die Stadtreiniger waren seit den frühen Morgenstunden „mit allen verfügbaren Räum- und Streufahrzeugen im Dauereinsatz“, wie ein Sprecher sagte. Das Problem sei der ständig nachfallende Schnee, dem man nicht unmittelbar Herr werden könne. Dabei waren Stadtreiniger und Feuerwehr nach den Warnmeldungen der vergangenen Tage mit verstärktem Personal im Einsatz.

Unklar war am Sonntag noch, welche Schulen im Kreis ihr Präsenzangebot wegen der unsicheren Straßenverhältnisse für den heutigen Montag absagen. Laut Landkreissprecher Harald Kühlborn entscheidet das jede Schule selbst. Die Eltern würden über die Internetseiten der Schulen oder per Mail informiert.

Für viele Bahn-Reisende war in Kassel Endstation

Am Informationstresen im Bahnhof Wilhelmshöhe hat sich am Sonntagmorgen gegen 10 Uhr eine Gruppe von 30 Menschen gebildet. Gestrandete, die aufgeregt damit beschäftigt sind, ihre Weiterfahrt in Richtung Norden zu organisieren. Einige lassen sich Taxi-Scheine ausstellen, wollen eilig von der Schiene auf die Straße umsteigen.

Die Chauffeure stehen schon parat und fahren verbal ihre Krallen gegenüber der Konkurrenz aus. „Ganz ruhig“, sagt einer zu den Kollegen. „Können Sie mir garantieren, dass Sie mich heute noch bis nach Hamburg bringen?“, fragt ein Zugreisender einen Taxifahrer gereizt. „Ich weiß auch nicht, wie es auf den Straßen aussieht“, antwortet der schulterzuckend. „Wer will außerdem noch mit dem Taxi nach Hamburg?“, fragt ein Bahn-Mitarbeiter in die Gruppe. „Kann ich in Hannover rausgelassen werden?“ möchte einer der Reisenden wissen.

Der ICE nach Hamburg, in dem er und die anderen saßen, hatte in Kassel gestoppt. Eine Weiterfahrt war wegen des aktuellen Wintereinbruchs und aufgrund von Behinderungen im Bereich des Bahnknotenpunkts Hannover nicht möglich. Der Fernverkehr sei wegen des vielen Schnees auf der Nord-Süd-Achse unterbrochen, die durch Kassel führt, sagte ein Bahnsprecher.

Auch Hotelgutscheine konnten sich die Fahrgäste am Infostand holen, falls benötigt. Zudem behalten die Fahrtickets eine Woche lang ihre Gültigkeit, erklärte der Bahn-Sprecher. Darauf hatte die Deutsche Bahn die Fahrgäste bereits im Vorfeld angesichts des erwarteten Wintereinbruchs hingewiesen. Viele Reisende waren am Sonntag nicht unterwegs. Das seien in Corona-Zeiten viel weniger als sonst. Die Fernverkehrszüge seien aktuell zu 15 bis 20 Prozent besetzt.

Im Bahnhof organisieren sich einige der Reisenden inzwischen untereinander. Bärbel Koinzer aus Kassel ist im Gespräch mit einem Mann mit Skiern im Gepäck. Er war aus Erlangen auf dem Weg nach Kiel und wartet nun eine Stunde lang auf eine Möglichkeit zur Weiterfahrt. „Mein Mann kommt mit dem Auto, dann fahren wir unseren Sohn nach Kiel. Wir können Sie mitnehmen“, sagt Bärbel Koinzer: „Man muss sich doch gegenseitig helfen.“ Inzwischen steht auf Gleis 4 ein „Aufenthaltszug“ zur Verfügung. Die Bahn bietet die Möglichkeit, sich dort – coronakonform aufgeteilt auf mehrere Waggons – aufzuwärmen und heißen Tee oder Kaffee zu trinken.

Die Bahnhofsmanagerin in Wilhelmshöhe, Michaela Andresen ist vor Ort, steht den Fahrgästen zur Verfügung und unterstützt das Bahnhofspersonal beim Auskunftgeben und Informieren. Sie hat im Bahnhof alles im Blick, ist genau im Bild über die aktuelle Situation. Schon um 8 Uhr morgens hatte sie sich mit Kollegen und Meterologen über die Wetterlage informiert: „Wir haben in Hessen drei Zonen und die kalte schiebt sich im Laufe des Tages runter nach Süden“ erklärt sie.

Für die ICE-Nord-Süd-Achse der Bahn bedeutete das weiteren Schnee. Aber in Kassel sei man dafür „gut aufgestellt“.

Die meisten Zugfahrgäste nach Hamburg, die in Kassel gestrandet waren, haben ihre Reise inzwischen mit dem Taxi fortgesetzt.

Derweil schneit es leise weiter und der Dauerschnee sorgt weiter für Schneemassen und Behinderungen.

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