Der allgegenwärtige Musikantenstadl ist eine Plage

Schluss mit dem Lärm: Warum Hintergrundmusik nervt

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Obwohl es viele nervt, ist es fast überall laut. 

Nicht nur beim Einkaufen werden wir mit Hintergrundmusik gefoltert. Nun wehren sich Initiativen wie "Lautsprecher aus" gegen das Dauergedudel, dem es bald so ergehen könnte wie dem Rauchen.

Selbst bei Sonderangeboten geht Klaus Beckenbach nicht mehr im tegut um die Ecke einkaufen. Der ehemalige Kasseler Oberstaatsanwalt hat sich die Hintergrundmusik in der Fuldaer Supermarktkette lange genug angehört. "Für mich ist das eine Plage. Vor allem wenn Klassik nachgespielt wird, klingt das grausam."

Nicht nur im tegut hört man Dudelmusik, sondern eigentlich überall. Ob im Kaufhaus, beim Arzt oder auf dem Klo im Restaurant - es gibt keine stillen Orte mehr. Darum wehren sich Menschen wie Beckenbach gegen den Dauerlärm. Der 81-Jährige ist Mitglied bei "Lautsprecher aus", einem Verein für "akustische Selbstbestimmung gegen Musikberieselung". Er ist die deutsche Version der englischen Organisation Pipedown, die auf der Insel seit längerem für mehr Ruhe kämpft und dessen Forderungen nun auch im Rest von Europa gehört werden. Zumindest kämpfen Leute wie Beckenbach dafür. Der Kasseler hat sich zum Beispiel in der Konzernzentrale von tegut beschwert. Im Antwortbrief begründete das Unternehmen die Hintergrundmusik auch damit, dass so die Kühlgeräte übertönt würden.

Rolf Clausen lässt das nicht gelten. Der Hamburger ist Vorsitzender des Vereins "Lautsprecher Aus", formuliert Petitionen an die Politik und wird aggressiv, wenn der Taxifahrer das Radio nicht leiser dreht. Das Gedudel, sagt er, "lässt bei mir den Blutdruck steigen. Gut ist es nicht, wenn man dauernd auf 100 ist." Der Rentner, der einen Computerladen hatte, glaubt, dass es dem Dauerlärm irgendwann so ergehen wird wie dem Rauchen. Vor 20 Jahren konnte sich auch keiner vorstellen, dass es mal qualmfreie Kneipen gibt. Darum kämpft er für weniger Hintergrundmusik.

Im Englischen nennt man Hintergrundmusik Muzak - nach der gleichnamigen US-Firma, die seit den 1930er-Jahren "Fahrstuhlmusik" für Geschäfte und Hotels komponieren ließ. Es war Musik, die nicht als Musik wahrgenommen wurde.   

Laut Umfragen sind 50 Prozent der Deutschen genervt von der Berieselung. Allerdings ist es noch ein weiter Weg für die Aktivisten. Ihre Internet-Petition ist weitgehend geräuschlos verhallt. Und dann gibt es ja auch einige Gründe, die für Hintergrundmusik sprechen. "Licht und Geräusche erzeugen eine bestimmte Stimmung", sagt Annette Treichel vom Bio-Hotel Flux im Werratal in Hann. Münden: "Und sie sorgen dafür, dass man Gespräche am Nebentisch nicht mithören kann." In ihrem Restaurant läuft "chillige Hintergrundmusik", wie Treichel sagt. Beschwert sich ein Gast, wird die Anlage ausgeschaltet. Mehr als dreimal im Jahr kommt das aber nicht vor.

Anderswo ist es hingegen schon ganz still geworden - etwa im Londoner Flughafen Heathrow, auch die britische Kaufhauskette Marks & Spencer lässt in ihren Filialen keine Musik mehr laufen. Und als die Bahn im Sommer 2014 den Kasseler IC-Bahnhof beschallen ließ, war der Protest laut. Nach wenigen Wochen wurde das Experiment abgebrochen.

Trotzdem glauben immer noch viele Unternehmen, Musik würde den Umsatz steigern. Inhaber mancher Mode-Boutiquen sind offensichtlich sogar der Ansicht, je lauter die Musik sei, desto mehr würde verkauft. Dabei gibt es bis heute keine Studie, die den Zusammenhang belegt, wie Clausen sagt.

Der Kasseler Klaus Beckenbach

Er verweist lieber auf Discounter wie Aldi und Lidl, deren Geschäfte voll sind, in denen es aber still ist. Und er zitiert den Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, der schon 1997 im "Spiegel" den Schallallergiker gegen die lärmende Gesellschaft verteidigte. Sein Versuch, sich dem "allgegenwärtigen Musikantenstadl" zu entziehen, komme einer Behinderung gleich. Während ein "Krüppel" Glieder oder Organe verloren habe, zeichne sich "das Beschallungsopfer dadurch aus, dass es Ohren hat, zu hören; seine Behinderung besteht darin, dass sein Hörorgan intakt ist."

Die schlimmsten Geräusche der Welt sind laut einer britischen Studie lautes Erbrechen, eine Mikrofonrückkoppelung, lautes Babygeschrei und die quietschenden Reifen eines Zuges. 

Das hat man vor allem in Linz verstanden. Seit dem Kulturhauptstadtjahr 2009 gibt es in der österreichischen Metropole die Hörstadt. Sie zeichnet anderem Geschäfte und Restaurants aus, die ohne Beschallung auskommen. Der Kasseler Beckenbach hofft, dass es so etwas eines Tages auch in seiner Heimatstadt gibt, die ja ebenfalls Europäische Kulturhauptstadt werden will. Er sagt auf Nordhessisch: "Am schönsten ist es, wenn es stille ist."

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