Gesundheitsamt: Wurst in Maßen ist okay

Nach WHO-Studie: Kasseler Fachleute sehen kein erhöhtes Krebsrisiko

Die Wurst ist ins Gerede gekommen: Eine typische Aufschnitt-Auswahl in der Fleischtheke. Foto:  dpa

Kassel. Darf man jetzt keine Wurst mehr essen, weil man davon Krebs bekommen kann? So verkürzt lesen viele Verbraucher eine Risikobewertung der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Die Autoren sehen einen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von verarbeitetem Fleisch und dem Entstehen von Darmkrebs. Fachleute aus Gesundheitswesen und Fleischerhandwerk in Kassel sehen die Sache allerdings gelassener.

Die Erkenntnisse der WHO seien keineswegs neu, sagt Dr. Karin Müller, Leiterin des Gesundheitsamts Region Kassel. Ein mögliches Krebsrisiko durch Fleischkonsum sei schon seit vielen Jahren belegt, ebenso aber auch eine Verminderung dieses Risikos durch ausreichend Obst und Gemüse auf dem Speiseplan. Daher sei es gesundheitlich gesehen „völlig okay, Fleisch zu essen, solange dies in Maßen geschieht“.

Nichts anderes sagt laut Müller auch die WHO-Studie aus - „dass man auf die Menge achten sollte. Es ist aber nicht gemeint, dass man gar kein Fleisch mehr essen sollte, weil man sonst an Krebs erkrankt.“

Auch die als Fans deftiger Genüsse geltenden Nordhessen hätten generell kein höheres Gesundheitsrisiko als Bewohner anderer Landstriche, sagt die Gesundheitsamtsleiterin. Das Darmkrebsrisiko steige „nicht mit dem Wohnort, sondern mit der individuellen Fleischverzehrmenge“. Das auch von der WHO benannte Risiko liege darin, dass statistisch weit mehr Fleisch gegessen werde, als Experten empfehlen. Das Gesundheitsamt rate dazu, wenigstens einmal pro Woche einen fleischlosen Tag einzulegen.

Und wie riskant ist die Ahle Wurscht, das Sehnsuchtsprodukt nordhessischer Fleischfans? Die falle schon in die Kategorie „verarbeitetes rotes Fleisch“, das von der WHO als riskant bezeichnet wird, sagt Müller. Allerdings gelte die gepflegte Stracke oder Runde ja unbestritten als Spezialität. „Und Spezialitäten sollte man sowieso immer nur mit Bedacht genießen.“

Das gelte durchaus auch für Fleisch und Wurst allgemein, sagt Dirk Nutschan (Espenau), Obermeister der Fleischerinnung Kassel: „Wenn man bewusst Fleisch isst und darauf achtet, wo es herkommt und wer es erzeugt hat, dann gibt es auch keine Probleme“. Viele Berufskollegen in der Innung würden inzwischen „sehr sensibel“ arbeiten, was Zusatzstoffe in der Wurst betrifft. Die Befunde der WHO lässt Nutschan nicht fürs Fleischerhandwerk, sondern allenfalls für industriell hergestellte Wurst aus Supermarkt- und Discounterregalen gelten.

Solche Fleischwaren seien in Deutschland so billig wie in keinem europäischen Nachbarland, und genau da liege auch das Problem, sagt der Innungsobermeister. Er rät Verbrauchern, an der Wursttheke jederzeit nachzufragen, sich über Rezepturen und Inhaltsstoffe zu informieren und lieber seltener Qualitätsprodukte als täglich Billigwurst zu essen. „Es muss ja auch nicht jeden Tag Fleisch sein“, sagt der Metzgermeister.

Die Wurst an sich ist ein gesundes Lebensmittel, meint Sonja Barthel, Geschäftsleiterin der Kasseler Fleischerei Barthel: Es sei allenfalls „die Chemie in der Wurst“, die Krebs auslösen könne. So sei Nitritpökelsalz einer der verbreitetsten und gefährlichsten Zusatzstoffe, die nach Sonja Barthels Meinung „überhaupt nicht in Lebensmittel gehören“.

Für ihren eigenen Betrieb mit Läden an der Kohlen- und der Wilhelmsstraße könne sie sagen: „Wir können Wurst auch ohne Chemie.“ Bei Barthel werde streng darauf geachtet, dass industrielle Zusatzstoffe ebensowenig in Fleisch und Wurst zu suchen hätten wie Medikamentenrückstände und chemische Substanzen im Tierkörper.

Wenn man als Kunde Vertrauen zu seiner Einkaufsquelle für Fleisch- und Wurstwaren habe, erübrige sich manche Diskussion um Gesundheitsrisiken, meint auch Kristin Burghardt von der Fleischerei Burghardt an der Elfbuchenstraße. Allerdings würden Medienberichte wie die aktuelle WHO-Studie stets dazu führen, dass Kunden verstärkt nachfragen. Das findet die Fleischerei-Inhaberin gut, denn „dann kommen sie wenigstens zu uns ins Fachgeschäft“. Solche Debatten um Fleisch und Gesundheit hielten aber immer nur einige Wochen an - dann wende sich die öffentliche Aufmerksamkeit wieder anderen Themen zu.

Hintergrund: Die WHO-Studie

Die Experten der Weltgesundheitsorganisation haben mehr als 800 Studien ausgewertet, die sich mit dem Zusammenhang von Fleischverzehr und Krebsarten beschäftigen. Bei verarbeitetem Fleisch wie Würstchen, Schinken oder Corned Beef sind sie aufgrund der Daten sicher, dass es Krebs - vor allem Darmkrebs - verursachen kann. Statistisch essen die Deutschen etwa doppelt so viel Fleisch, wie Ernährungsexperten empfehlen, nämlich 300 bis 600 Gramm pro Woche.

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