Ob man sich schützen kann und wer besonders gefährdet ist

Stadtluft macht krank: Gesundheitsgefahr durch Abgase in Kassel

+
Feinstaub und Stickstoffdioxid aus Dieselabgasen gefährden die Gesundheit der Stadtbewohner: Unser Bild entstand an der Luftmessstation an der Fünffensterstraße in der Kasseler Innenstadt.

Kassel. Die Luftbelastung durch Abgase gefährdet die Gesundheit von Menschen, die in der Stadt wohnen. Wir sprachen mit Lungenarzt Dr. Andreas Bastian über die Gefahren.

Das Bundesverwaltungsgericht hält Dieselfahrverbote in Städten für zulässig, um die Luftbelastung zu senken. Denn besonders der Diesel-Mief gefährdet die Gesundheit von Menschen, die in der Stadt wohnen.

In Frankfurt droht Diesel-Fahrern ab 2019 ein großflächiges Fahrverbot. Allein dort wären mehr als 60.000 Diesel-Autos der Schadstoffklassen Euro 4 und 5 betroffen. Auch in Kassel ist der Dreck in der Luft ein brisantes Thema. Fragen und Antworten zur Gesundheits-Gefahr durch Abgase:

Smog wie in chinesischen Großstädten sieht man bei uns nicht. Ist die Belastung unserer Luft wirklich gefährlich für die Gesundheit?

Ja, sagt Dr. Andreas Bastian, Chefarzt der Abteilung für Pneumologie am Kasseler Marienkrankenhaus. Stickoxide, die in Städten vor allem aus Dieselabgasen stammen, würden die Lungenfunktion und damit die Sauerstoffversorgung des Körpers auch bei gesunden Menschen verschlechtern. Bei Kranken, Älteren, Kindern und Rauchern potenzierten sich die Schäden in der Lunge. „Stickoxid ist auch in geringer Konzentration schädlich – und zwar für jeden Menschen“, sagt Bastian.

Gibt es denn Studien und Zahlen, die diese Gesundheitsgefahr belegen?

In den 28 Ländern der Europäischen Union kam es laut Weltgesundheitsorganisation im Jahr 2016 zu circa 436.000 vorzeitigen Todesfällen durch Feinstaub und zu 68 000 durch Stickoxide in der Atemluft. In Deutschland waren es 73 400 vorzeitige Tote durch Feinstaub und 10 610 durch Stickoxide. Zum Vergleich: In Deutschland starben im Jahr 2016 genau 3214 Menschen bei Verkehrsunfällen.

Wie bewertet denn das deutsche Umweltbundesamt die Gesundheitsfolgen von Dieselabgasen?

Die Wissenschaftler kommen in einer Studie zum Ergebnis, dass auch schon geringe Konzentrationen von Stickoxiden weit unterhalb des zulässigen Jahresmittel-Grenzwertes von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Atemluft, der in Kassel viele Jahre lang überschritten wurde, schwere Folgen haben können. 6000 bis 8000 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr vorzeitig an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die durch Stickoxide ausgelöst werden. Dazu kommen weitere Todesfälle, weil auch Schlaganfälle, Lungenerkrankungen wie Asthma und chronisch-obstruktive Bronchitis oder Diabetes durch Stickstoffdioxid ausgelöst oder verschlimmert werden können.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Gibt es auch Schätzungen für das Gebiet der Stadt Kassel?

Vom städtischen Umwelt- und Gartenamt wurden die deutschen Zahlen auf die Einwohnerzahl von Kassel heruntergebrochen, sagt Stadt-Pressesprecher Michael Schwab. Für die Schadstoffe Stickstoffdioxid, Feinstaub und Ozon ergaben sich für das Jahr 2014 circa 200 vorzeitige Todesfälle. Betrachte man allein Stickstoffdioxid, liege die Zahl bei circa 31. Der Kasseler Kreisverband des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs hat mit den Zahlen von 2016 gerechnet und kommt für alle Schadstoffe auf 175 vorzeitige Todesfälle.

Die Autohersteller haben doch stets erklärt, Diesel seien heute sauber. Warum ist die Luftbelastung immer noch so hoch?

Weil die Autoindustrie die Umweltbehörden und Kunden betrogen hat. Die Abgaswerte, mit denen seit Jahren auch die Umweltbelastung vorauskalkuliert wurde, sind falsch. Wegen der illegalen Abschalteinrichtungen und mangelnder Abgasreinigung kommt wesentlich mehr Dreck aus den Auspuffrohren sogar von neueren Dieselautos der Klasse 5 und belastet vor allem in unseren Städten die Atemluft.

Gibt es denn auch schon – dem Beispiel Frankfurt folgend – eine Klage vor dem Verwaltungsgericht Kassel?

Chefarzt der Abteilung für Pneumologie am Kasseler Marienkrankenhaus: Privat-Dozent Dr. Andreas Bastian. 

Nein, bisher nicht. Die Deutsche Umwelthilfe führt Klagen vor allem in den großen Metropolen wie Frankfurt, Hamburg oder Stuttgart, wo die Luft noch schlechter ist. Privatklagen sind schwierig, weil die Grenzwerte für Feinstaub und Ozon in Kassel seit längerer Zeit nicht mehr überschritten wurden. 2017 wurde auch erstmals seit Jahren der Stickstoffdioxid-Grenzwert in der Stadt knapp eingehalten.

Im Mittelalter machte Stadtluft ja frei, weil Stadtbewohner die Leibeigenschaft hinter sich lassen konnten.

Heute macht Stadtluft oft krank, warnen Umweltverbände seit Jahren. Auch das Deutsche Ärzteblatt mahnt, die Gefährdung nicht zu unterschätzen. Stickstoffdioxid sei ein schädliches Gas, „und das haben sie im ganzen Körper“, sagt Dr. Bastian. Feinstaub löse Entzündungen in der Lunge aus. Wenn es durch zuviel Feinstaub in der Atemluft zu Dauerentzündungen komme, „hat der Körper keine Chance, das zu heilen.“

Wie kann man sich vor den Folgen des Dieselmiefs schützen?

Wer nicht ständig mit Filtermaske herumlaufen will, hat keine Chance, den Schadstoffen in der Luft auszuweichen. „Nicht rauchen“, rät Dr. Bastian. Denn Zigarettenrauch plus Luftschadstoffe würden Gesundheitsgefahren potenzieren.

Wer an Hauptverkehrsstraßen wohne, bekomme mehr Schadstoffe ab und habe in der Folge eine kürzere Lebenserwartung. „Mehr Druck machen auf Politiker, damit die Luft sauberer wird“, rät der Facharzt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.