Sie fand Hilfe im „Panama“ - wie viele Obdachlose

Die getötete Monika S.: Eine nette Einzelgängerin

Trauerarbeit in der Tagesaufenthaltsstätte Panama: Sozialarbeiterin Amrei Tripp zündet eine Kerze neben dem Foto der getöteten Monika S. an. Fotos:  Schachtschneider

Kassel. Die 58-Jährige Monika S., die Opfer eines Verbrechens geworden ist, besuchte bis Januar die Tagesaufenthaltsstätte "Panama". Dort wurde nun ein Foto von ihr aufgestellt.

„Wir haben uns manchmal unterhalten“, sagt der 29-jährige Mann, als er auf das Foto von Monika S. schaut, das Stefan Jünemann, Leiter der Tagesaufenthaltsstätte Panama, gerade aufgestellt hat.

Bislang wusste der Mann nicht, dass Monika S. getötet worden ist. Das nimmt ihn sichtlich mit. „Ach du dickes Ei. Wir sitzen hier doch alle in einem Boot.“

Vergangene Woche hatte die Polizei bekannt gegeben, dass es sich bei der Leiche, die am Mittwoch, 6. Mai, an der Fulda im Stadtteil Wesertor gefunden wurde, um die 58-jährige Monika S. handelt. Eine Frau aus dem Kasseler Obdachlosenmilieu.

„Das ist ein sehr, sehr trauriges Gefühl“, sagt eine Besucherin des Panama, die sich das Bild von Monika S. angeschaut hat. Zum letzten Mal habe sie die Frau im März an der Martinskirche gesehen. Dort habe sie erzählt, dass sie kurz zuvor eine Woche in Frankfurt gewesen wäre. Die Besucher des Panama sind sich einig: Monika S. sei sehr nett gewesen, aber auch zurückhaltend. „Sie war eine Einzelgängerin.“ Weihnachtsfeiern und Sommerfeste, die auch im Panama gefeiert werden, seien nicht so ihr Ding gewesen, sagt Jünemann.

Der Panama-Leiter hat Monika S. zum letzten Mal im Januar gesehen. Da manche Klienten nur sporadisch kämen, falle es nicht immer auf, wenn jemand über Wochen wegbleibe. Allerdings hätten einige Besucher des Panama bereits einen Tag, nachdem in der Zeitung über die unbekannte Tote berichtet worden wäre, gemutmaßt, dass es sich um Monika S. handeln könnte, sagt Sozialarbeiterin Amrei Tripp.

Sie beschreibt Monika S. als lebensfrohe, charismatische und sehr kreative Frau, die gern viel erzählt habe. „Ihre langen Haare waren echt toll. Wegen der Haare hat man sie auch jünger geschätzt“, sagt Amrei Tripp. Oft habe sie über sich selbst in der dritten Person gesprochen und sich dann Monique genannt.

2009 sei Monika S. als Wohnungslose zu Panama gekommen. Vorher hatte sie wohl bei einem Freund gewohnt, nach Unstimmigkeiten hatte sie die Wohnung offenbar verlassen müssen. Zunächst sei Monika S. in der Notschlafstelle untergekommen, später habe man ihr eine kleine Wohnung in Kaufungen vermittelt, sagt Jünemann. Monika S. habe aber immer von einer Kunsthandwerkstatt in einem Bauernhof geträumt.

Obdachlose Menschen würden öfter Opfer von Gewalt als andere, sagen Tripp und Jünemann. „Nicht selten kommt es vor, dass sie nachts überfallen werden“, sagt Tripp. „Manchmal auch von alkoholisierten Halbstarken, fügt Jünemann hinzu. Allerdings seien die Verhältnisse in Kassel längst nicht so schlimm wie in Hamburg oder Berlin. Der Tod von Monika S. ist in diesem Jahr bereits der vierte, den die Besucher des Panama betrauern. Bei den anderen Fällen handelte es sich aber um keine Verbrechen.

Jedes Mal hat Jünemann ein Foto des Verstorbenen mit einer Kerze im Panama aufgestellt. Die Trauerarbeit sei den Besuchern wichtig. „Manche fragen mich dann, ob ich auch ein schönes Foto für den Fall ihres Todes habe“, sagt Jünemann.

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Die Fragen der Polizei

Die Ermittler der Soko Hafen, die zur Aufklärung des Tods von Monika S. eingerichtet worden ist, wollen wissen: Wer hat Monika S., die sich auch Monique nannte, zuletzt lebend gesehen? Wer hatte Kontakt zu ihr? Wo hielt sich Monika S. vor ihrem Verschwinden auf? Wer hat vor dem Auffindetag (Mittwoch, 6. Mai, 14 Uhr) verdächtige Wahrnehmungen gemacht?

Monika S. war 58 Jahre, 1,72 Meter groß, schlank und hatte lange, dunkle Haare sowie auffallend schlechte Zähne.

Für Hinweise, die zur Aufklärung des Tötungsdelikts führen, hat die Staatsanwaltschaft Kassel eine Belohnung von 3000 Euro ausgesetzt.

Hinweise an die Polizei unter Tel. 05 61/9100. 

Hintergrund: Mittagessen für 1,50 Euro

Die „Soziale Hilfe” wurde 1885 unter dem Namen „Verein zur Fürsorge für entlassene Strafgefangene im Regierungsbezirk Cassel”, kurz: „Gefangenen-Fürsorgeverein“ gegründet. Seit dem Jahr 1975 heißt der Verein „Soziale Hilfe e. V.”, der 1977 gemeinsam mit der Stadt Kassel die Beratungsstelle für Haftentlassene gründete. Alleinstehende Wohnungslose gehören seit 1978 zur Zielgruppe des Vereins.

Seit 1989 gibt es die Tagesaufenthaltsstätte Panama an der Kölnischen Straße. Hier finden Menschen ohne festen Wohnsitz ein Angebot, das für die Betroffenen alles andere als selbstverständlich ist: Sie sind hier willkommen! Alltägliche Dinge können im Panama kostenlos oder zu einem günstigen Preis in Anspruch genommen werden. Dazu gehören unter anderem Mittagessen für 1,50 Euro. Obst und Tee und im Winter eine heiße Suppe stehen kostenlos bereit. Zudem gibt es hier die Möglichkeit der Körperpflege in Form eines Dusch- und Badeangebots, eine Kleiderkammer, einen Kleiderladen, Waschmaschine und Trockner, Arztsprechstunde und Gepäckaufbewahrung.

Im Panama halten sich pro Tag zwischen 50 bis 70 Besucher auf, über das Jahr mehrere Hundert Menschen. Nicht alle sind mehr wohnungslos, viele nutzen das Panama auch als Treffpunkt.

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