Fragen und Antworten zum jüngsten Fall

Gewalt gegen Kontrolleure: KVG stellt keine Zunahme fest

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Keine leichte Aufgabe: KVG-Mitarbeiter bei der Kontrolle von Fahrausweisen – hier in einer Straßenbahn der Linie 5. Manchmal kommt es dabei zu bedrohlichen Situationen oder gar massiven Angriffen.

Kassel. Wie gefährlich ist in Kassel die Arbeit von Fahrschein-Kontrolleuren? Diese Frage wirft der Prozess gegen einen 36-Jährigen auf.

Der Mann muss sich wegen eines Angriffs gegen KVG-Mitarbeiter verantworten. Für allgemeines Kopfschütteln in der Verhandlung am Mittwoch (siehe unten) hatten Zeugenberichte gesorgt, wonach die Straßenbahn bei dem Vorfall im Juni 2016 über viele Minuten hinweg verriegelt worden war, bis endlich die Polizei kam und den Mann in Gewahrsam nahm. Nachfolgend Informationen und Hintergründe rund ums Thema:

Sollen Bahnen bei Problemen mit Fahrgästen wirklich verschlossen werden?

Nein, betont dazu KVG-Sprecher Ingo Pijanka auf Anfrage. Vielmehr gebe es eine Arbeitsanweisung, die Türen von Bussen und Straßenbahnen bei solchen Vorfällen zu öffnen. „Sie sollen auf keinen Fall geschlossen bleiben, um die Situation zu deeskalieren.“ Fahrgäste sollten sich sicher entfernen können. Das Gleiche gelte für den Täter. „Es ist besser, er verlässt das Fahrzeug und richtet keinen weiteren Schaden an, als dass er völlig außer Kontrolle gerät.“ Das sei auch die Sichtweise der Polizei, mit der dieses Vorgehen abgestimmt sei.

Haben die Angriffe gegen die Kontrolleure zugenommen?

Die Auswertung der KVG-Fallzahlen bestätigt das nicht, betont Pijanka. Im Zeitraum von 2010 bis Sommer 2014 gab es 26 körperliche Angriffe bei Fahrausweisprüfungen – im Schnitt 5,8 pro Jahr. Von Sommer 2014 bis Ende 2016 gab es sieben Vorfälle – im Schnitt 2,8 pro Jahr. Eine Zunahme körperlicher Gewalt werde bisher auch von Mitarbeitern in Dienstgesprächen nicht angesprochen.

Sind die Angriffe brutaler geworden?

Nach KVG-Angaben werden Angriffe gegen Fahrschein-Kontrolleure nicht kategorisiert. Vom Gefühl her treffe dies aber nicht zu, meint Pijanka. Jedoch werde die subjektive Einschätzung über eine Abnahme von Respekt – insbesondere von männlichen Jugendlichen und aus dem Kreis von alkoholisierten Erwachsenen – in den quartalsweise stattfindenden Dienstgesprächen häufiger angesprochen.

Welche Regeln gelten bei gewaltsamen Fahrgästen?

Grundsätzlich gilt, dass bei Fahrausweisprüfungen die körperliche Unversehrtheit der Kollegen vorgeht. Im Zweifel riskiere man lieber das Wegrennen eines Schwarzfahrers, sagt Ingo Pijanka. „Wir sind immer um Deeskalation bemüht.“ Dazu gebe es regelmäßige und anlassbezogene Schulungen der KVG-Fahrausweis-Kontrolleure.

Warum wurden die Kontroll-Teams verkleinert?

Die Umstellung auf die Mindest-Teamgröße von vier auf zwei Personen erfolgte laut KVG bereits im Sommer 2014. Anlassbezogen – etwa abends ab 20 Uhr und auf „bekannten“ Streckenabschnitten – werde auch in zwei Zweier-Teams oder 2-plus-1-Konstellationen geprüft. Kern des neuen Konzepts sei eine flexiblere Verteilung von Prüfteams durch kleinere Einheiten und die dadurch erreichbare höhere Präsenz in den Fahrzeugen gewesen. Bei Nachtschwärmer-Verkehren unterstütze zudem ein Sicherheitsdienst.

Muss ein Mann im Kontroll-Team sein?

Eine explizite Anweisung, dass in einem Team unbedingt ein Mann sein muss, gibt es nicht und gab es früher auch nicht. Von den aktuell in der Fahrausweisprüfung eingesetzten Personen sind laut KVG knapp ein Drittel Frauen.

Weitere Gewaltausbrüche zu erwarten

„Extrem gefährlich für die Allgemeinheit“ ist nach Einschätzung von Staatsanwältin Verena Bring ein 36-jähriger Mann aus Kassel. Die 5. Große Strafkammer teilte diese Meinung und entschied deshalb nach einem sogenannten Sicherungsverfahren, dass der psychisch kranke Mann in einer geschlossenen Unterbringung bleiben muss.

Ins psychiatrische Krankenhaus nach Haina (Kreis Waldeck-Frankenberg) war er im August 2016 gebracht worden, weil er wegen mehrerer exhibitionistischer Handlungen in der Straßenbahn sowie Onanierens am hellen Tag auf der Friedrich-Ebert-Straße aufgefallen war. Auch einen gewalttätigen Angriff, Beleidigungen und Todesdrohungen gegen einen Fahrkartenkontrolleur der KVG (Bericht oben) und die sexuelle Belästigung einer 37-Jährigen im City-Point hielt das Gericht für erwiesen.

Der Beschuldigte selbst bagatellisierte diese Taten: „Ich würde niemals die Hand gegen einen Polizisten heben.“ Aber bis zu fünf Beamte mussten zugreifen, um den sich aggressiv wehrenden Mann festzunehmen oder eine Blutentnahme möglich zu machen.

2,23 Promille hatte der Randalierer im Blut, als er einem 44-jährigen Fahrkartenkontrolleur im Juni 2016 in der Linie 8 den Hals zudrückte, bis dieser nach Atem rang. Die bis jetzt andauernde psychische Belastung des gestandenen KVG-Mitarbeiters durch den Angriff machten dessen Tränenausbrüche während seiner Zeugenaussage deutlich.

1,95 Promille ergab der Alkoholtest, nachdem der Beschuldigte eine Frau auf der Rolltreppe im City-Point das Kleid hochgezogen und sie am Po gestreichelt hatte. Bei der Festnahme beleidigte er eine Polizistin als „Hure“.

„Es ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte zum Tatzeitpunkt schuldunfähig gewesen ist“, sagte Vorsitzender Richter Jürgen Stanoschek in der Urteilsbegründung. Ein Sachverständiger hatte die vor Jahren festgestellte paranoide Schizophrenieerkrankung bestätigt und von einer „akuten Psychose“ gesprochen.

Das erkläre auch das „ungehemmte Ausleben“ seiner Triebe, sagte die Staatsanwältin. Sie hatte die Unterbringung des Mannes gefordert. Rechtsanwalt Klaus-Uwe Haake erachtete für seinen Mandanten eine Bewährung mit einem engen Korsett an Hilfen für möglich. Ganz anders sah das Richter Stanoschek. Von dem „nicht behandlungseinsichtigen, kranken Menschen“ seien „weitere schwerwiegende, rechtswidrige Taten zu erwarten.“

Seine „Selbstmedikation“ mit Alkohol ergebe, gepaart mit der Erkrankung, eine „explosive Mischung“. Nicht umsonst hatte der 36-Jährige im Rathaus Hausverbot, stand neun Mal vor dem Amtsgericht. Unter anderem, weil er vier Mal „völlig unmotiviert“ Gewalt gegen zufällig vorbeikommende Personen angewandt hatte.

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