Gewalt gegen Polizisten: "So viel Hass noch nie erlebt"

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Tatort: Die Beamten parkten ihren Wagen am 11. Juni auf dem Bürgersteig an der Friedrich-Ebert-Straße / Ecke Weißenburgstraße. Hier kam es zu der Attacke gegen die Polizisten.

Kassel. Dass sich Menschen bei einer Festnahme wehren oder er beleidigt wird, dass ist für den 40-jährigen Polizeioberkommissar vom Revier Mitte nichts Neues. Schließlich hat er auch in dem Frankfurter Revier gearbeitet, das für den Hauptbahnhof zuständig ist.

Und wer dort am Hauptbahnhof Streife geht, der darf nicht zart besaitet sein. Was dem Mann und seinem 34-jährigen Kollegen vor knapp zwei Wochen bei einem Einsatz auf der Friedrich-Ebert-Straße in Kassel passiert ist, das hat die beiden Polizisten allerdings erschüttert.

"Wir sind gezielt und bewusst angegangen worden. Ich dachte, jetzt wird es eng“, sagt der 40-Jährige. „Solchen Hass habe ich noch nicht erlebt.“

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Es war am Samstag, 11. Juni, um 7.20 Uhr, als die beiden Beamten den Auftrag bekamen. In einer Straßenbahn am Ständeplatz sei es zu einer Schlägerei gekommen. Wie sich später herausstellte, war ein Fahrgast, der zuvor Geld in einer Spielhalle gewonnen hatte, offenbar von einer Gruppe Männer genötigt, verfolgt und in der Tram geschlagen worden.

Als die beiden Polizisten am Ständeplatz ankamen, gab der Schaffner eine Täterbeschreibung ab und zeigte in Richtung Weißenburgstraße. Die Streife nahm die Verfolgung auf. Wenig später sahen die Polizisten einen der Flüchtenden auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Beamten stiegen aus und wollten den 25-jährigen Verdächtigen, der sehr aggressiv gewesen sei, festnehmen. Plötzlich sei der zweite Tatverdächtige, ein 19-Jähriger, auf die Beamten zugekommen. Mit geballten Fäusten. „Ich mache euch kalt, ich mache euch platt“, habe der Mann zu den Polizisten gesagt. Die beiden wendeten sich von dem 25-Jährigen ab und hätten den 19-Jährigen aufgefordert, stehen zu bleiben. Der ging mit den geballten Fäusten weiter. Die Beamten setzten Pfefferspray ein. Auf diese Weise wurde der 19-Jährige gestoppt. Der 40-jährige Polizist drückte ihn auf den Boden, setzte sich auf ihn und wollte ihn mit Handschellen fesseln. Plötzlich habe er nur gemerkt, dass etwas von der Seite kam. Dann spürte er den Tritt. Der 25-jährige Verdächtige trat gegen das Gesicht des Beamten.

Durch das Pfefferspray sei zunächst auch seine Sicht eingeschränkt gewesen, erklärt der 34-jährige Polizeioberkommissar. Deshalb habe er nicht sofort bemerkt, dass der 25-Jährige seinen Kollegen angegriffen habe. Nach der Attacke kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem 34-jährigen Beamten und dem 25-Jährigen. „Wir haben uns auf den Straßenbahnschienen geprügelt“, sagt der Polizist.

Bevor weitere Streifenwagen eintrafen, kam ein Passant dem Polizisten zur Hilfe. „Das Verhalten dieses Mannes hat mich sehr beeindruckt. Das war sehr couragiert“, sagt der 34-Jährige. Er hoffe, der Helfer, ein polnischer Staatsbürger, habe zumindest sein Dankeschön verstanden. Äußerliche Verletzungen erlitt dieser Polizist nicht.

Über Beleidigungen wie „Bulle“ oder „Bullenschweine“ regen sich die Beamten schon lange nicht mehr auf. „Wenn mich einer Bulle nennen würde, das fände ich ja richtig süß“, sagt der 40-jährige Polizeioberkommissar vom Kasseler Revier Mitte. Er und seine Kollegen müssen sich andere Frechheiten anhören. Sexuelle Beleidigungen gegen die Frauen, Mütter und Schwestern von Polizisten, die an dieser Stelle nicht wiederholt werden sollen, sind an der Tagesordnung. Den vulgären Ausdrücken und Wortschöpfungen sind keine Grenzen gesetzt. Besonders junge Muslime und Russlanddeutsche, die straffällig würden und deshalb Kontakt mit der Polizei hätten, zeigten gegenüber Beamten keinerlei Respekt mehr.

Die beiden Tatverdächtigen, die am 11. Juni bei einer Festnahme auf der Friedrich-Ebert-Straße den Beamten drohten und gewalttätig wurden, seien wegen verschiedener Vorstrafen aktenkundig. Der 34-jährige Polizeioberkommissar berichtet von einem Vorfall von Mitte Mai. Die beiden jungen Männer, beide sind deutsche Staatsbürger und Muslime, seien ihm bei einer Personenkontrolle an der Weserspitze aufgefallen. Einer der beiden habe zu den Polizisten gesagt, sie seien Dreck.

Dann habe er auf den Boden gespuckt, in den Speichel getreten und gesagt, das sei die Polizei. Der andere, ebenfalls deutscher Staatsbürger, soll zu den Polizisten gesagt haben: „Wir werden Deutschland übernehmen. Alle Deutschen sind Hunde.“ Für junge Muslime sei der Ausdruck „Hunde“ eine Beleidigung, da Hunde im Islam mitunter als unrein gelten.

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