Mitarbeiter der Stadtverwaltung sind auch betroffen 

Gewalt gegen Polizisten, Zugbegleiter und Rettungskräfte in Kassel steigt

Kassel. Sie werden beleidigt, bespuckt oder geschlagen: Auch in Kassel vergeht kaum ein Monat, in dem nicht darüber berichtet wird, dass Uniformträger wie Zugpersonal attackiert worden sind. 

Erst vergangenen Samstag war ein 53-jähriger Lokführer im Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe von einer rabiaten Reisenden getreten und wüst beleidigt worden. Nach Angaben von Klaus Arend, Sprecher der Bundespolizeiinspektion Kassel, gab es im ersten Quartal 2018 in Kasseler Bahnhöfen sieben Fälle von „Gewalt gegen Zugbegleitpersonal“. 

Im ersten Quartal 2017 waren es vier Fälle. Laut Arend spielen Alkohol- und Drogenkonsum sowie Sprachprobleme in vielen Fällen eine Rolle. „Aber auch mangelnder Respekt, besonders Uniformträgern gegenüber, verschärfen dieses Kriminalitätsphänomen.“ 

Diese Entwicklung wird von einem Sprecher der Deutschen Bahn bestätigt. Während die Kriminalität in Zügen und Bahnhöfen insgesamt rückläufig sei, habe die Gewalt gegen Zugpersonal zugenommen: 2017 gab es bundesweit 2500 Angriffe, sieben Prozent mehr als 2016. Die Mehrzahl der Angriffe komme unerwartet, die späteren Täter seien oft vorher gar nicht zu erkennen - ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Die Angriffe reichten von Rempeleien und Anspucken bis hin zu Verletzungen, die zur Arbeitsunfähigkeit führen. 

Im Kasseler Rathaus hätten Attacken auf Mirtarbeiter grundsätzlich nicht zugenommen, sagt Stadtsprecher Michael Schwab. In 2016 und 2017 gab es jeweils 25 Fälle, weil Mitarbeiter beleidigt worden seien. Allgemein sei aber eine zunehmende Respektlosigkeit in den verschiedenen Ämtern gegenüber den Mitarbeitern festzustellen. 

Genauso verhält es sich bei der Polizei. Im vergangenen Jahr gab es in der Stadt 494 Anzeigen wegen Beleidigung von Polizisten und 82 Anzeigen wegen Widerstandshandlungen.

Gewalt gegen öffentliches Personal steigt 

Missachtung und Respektlosigkeit bekommen aber auch Mitarbeiter des Kasseler Rathauses immer wieder zu spüren. Bei einer Eheschließung im Trausaal des Rathauses kam es vor geraumer Zeit zum Beispiel zu einem unerfreulichen Zwischenfall.

Ein Gast erschien wesentlich zu spät zu einer Hochzeit. Da der Trausaal schon voll gewesen sei und aus sicherheitstechnischen Gründen keine weiteren Personen mehr eingelassen werden durften, wurde der Mann gebeten, draußen zu warten.

Daraufhin verschaffte er sich mit den Worten „Halt’s Maul, du blöde Kuh… Was hast du hier überhaupt zu melden?“ Zugang zum Trausaal und der Hochzeitsgesellschaft. Der Mann wurde wegen des Verdachts der Beleidigung angezeigt.

Nach Angaben von Michael Schwab gibt es in diesem Jahr bislang zwei Strafanträge wegen Beleidigung von Mitarbeitern. 2016 und 2017 waren es jeweils 25 Fälle. Grundsätzlich hätten körperliche und verbale Attacken auf Rathausmitarbeiter nicht zugenommen, aber sie kämen vor. 

Eindrücke aus den Abteilungen:

Stadtreiniger

Insbesondere die Mitarbeiter der Müllabfuhr vermissten die erforderliche Rücksichtnahme im Straßenverkehr. Beim Leeren der Mülltonnen an Hauptverkehrsstraßen oder in schmalen Seitenstraßen muss der Folgeverkehr zeitweise warten. In diesen Situationen reagierten einige Autofahrer mit Ungeduld, sie würden dicht auffahren, überholten rücksichtslos und gefährdeten dabei die Mitarbeiter. Die Stadtreiniger werben deshalb für mehr Verständnis und gegenseitige Rücksichtnahme.

Zudem durchlaufen alle Mitarbeiter, die bei den Stadtreinigern fest angestellt sind, seit 2006 eine zweitägige Kundenschulung. Hierbei gehe es auch um Deeskalation in schwierigen Situationen.

Bürgeramt

Eine Zunahme von Gewalt sei hier nicht zu verzeichnen, was insbesondere auch auf die intensiven Schulungen der Mitarbeiter zurückgeführt wird. Allerdings werde der Ton hier und da rauer, und es komme zu Beschimpfungen oder auch unangemessenen Äußerungen der Kunden. „Der Anspruch an uns als serviceorientierte Verwaltung hat ebenso zugenommen wie der Stress und der Zeitdruck bei jedem Einzelnen“, so Schwab.

Standesamt

Allgemein sei hier eine zunehmende Respektlosigkeit zu verzeichnen. Diese trete insbesondere zu Tage, wenn rechtliche Möglichkeiten/Entscheidungen nicht mit den Wünschen der Beteiligten korrespondierten. Dies drücke sich mit lautstarken Diskussionen, Mitbringen von unbeteiligten Personen, um eine „Argumentationsüberzahl“ herzustellen, oder auch heftigem Türeschlagen beim Verlassen des Büros aus.

Vor einiger Zeit habe ein „enttäuschter“ Kunde außerhalb der Öffnungszeit eine Tür eingetreten und sei dann geflüchtet.

Sozialamt

In den Abteilungen und Sachgebieten des Sozialamtes gebe es nur sehr selten Angriffe auf die Mitarbeiter. Einzelne Fälle, auch körperliche Angriffe, gab es in der Vergangenheit in Sachgebieten der Abteilung „Sicherung des Lebensunterhaltes“. 

Dort kam es vor, dass in einer Konfliktsituation nach einer Mitarbeiterin geschlagen wurde, einmal wurde eine Mitarbeiterin vor das Schienbein getreten. Häufiger komme es vor, dass Mitarbeiter verbal angegriffen werden, weil deren Nachfragen – zum Beispiel nach erforderlichen Belegen wie Kontoauszügen – als Drohung angesehen werde beziehungsweise ihre Kompetenz erheblich infrage gestellt werde. In der Zentralen Fachstelle Wohnen habe es gefährliche Situationen bei Beratungen und Hausbesuchen schon immer gegeben. 

Allerdings sei in den letzten Jahren ein Anstieg des Aggressionspotenzials zu beobachten. „Zum Glück ist es bis heute nicht zu Gewalttaten gegen die Mitarbeiter gekommen“, so Schwab. Gewalt gegen sie soll dadurch verhindert werden, dass Hausbesuche in der Regel nur noch mit mindestens zwei Personen gemacht werden. Das schlimmste Vorkommnis in den vergangenen Wochen sei die Bedrohung eines Mitarbeiters mit einem Messer gewesen.

Feuerwehr

Beim Rettungsdienst der Feuerwehr Kassel gab es 2017 zwei verbale Angriffe. In diesem Zusammenhang begrüße die Stadt den gemeinsamen Antrag der Fraktionen („Wertschätzung für ehrenamtliche und hauptamtliche Einsatzkräfte“), der in der nächsten Stadtverordnetenversammlung am 28. Mai auf der Tagesordnung steht.

Sanitäter werden geschult, um Übergriffe zu stoppen

Sie wollten helfen und wurden selbst verletzt. Es war Anfang Februar, als der Rettungsdienst zu einem Einsatz in die Unterneustadt gerufen worden war, da ein Passant einen hilflosen jungen Mann gemeldet hatte. Die beiden Sanitäter des ASB, eine 23-jährige Frau und ein 31-jähriger Mann, fanden den regungslosen Mann in einem Gebüsch und weckten ihn.

Auf die Fragen nach seinem Wohlergehen und Namen begann der Mann sofort, auf die beiden Sanitäter einzuschlagen. Nach mehreren Fehlschlägen trafen seine Tritte die beiden Rettungskräfte, die verletzt wurden.

Dass Mitarbeiter körperlich attackiert werden, komme zum Glück noch nicht so häufig vor, sagt Bernd Roddewig, Bereichsleiter beim ASB-Rettungsdienst in Kassel. Verbale Attacken seien da schon häufiger. „Beschimpfungen, Bedrohungen und Beleidigungen.“ 

Vor zehn Jahren habe es begonnen, dass Rettungssanitäter im Einsatz angegangen werden. Als er 1996 beim Rettungsdienst angefangen habe, sei es undenkbar gewesen, dass Sanitäter, die bei einer Schlägerei den Verletzten helfen wollen, selbst angegriffen werden. „Das würde ich heute nicht mehr unterschreiben.“ 

Der gesteigerte Alkoholkonsum eines bestimmten Klientels sei sicher für dieses Verhalten auch ursächlich. Hinzu komme, dass der Rettungsdienst immer öfter gerufen werde, auch wenn er eigentlich nicht zuständig sei. Zum Beispiel, wenn die Menschen unter Schnupfen oder Heiserkeit litten. Wenn die Sanitäter dann sagten, sie könnten die Patienten nicht ins Krankenhaus bringen, dann reagierten einige gereizt und forderten: „Sie müssen etwas tun.“ 

Um auf brenzlige Situationen reagieren zu können, gebe es ein Deeskalationstraining für die Mitarbeiter. Dieser Themenbereich sei mittlerweile auch Bestandteil der Ausbildung für Rettungssanitäter.

Bedrohungen bei der KVG 

Körperliche Attacken auf Fahrer von Bussen und Straßenbahnen der KVG hätten nicht zugenommen, sagt Sprecherin Heidi Hamdad. Im Jahr 2016 habe man acht körperliche Übergriffe, im Jahr 2017 insgesamt vier gegen alle rund 850 Mitarbeiter (Fahrdienst, Fahrausweisprüfer) registriert. 

„Allerdings nehmen Respektlosigkeiten jeglicher Art, auch Bedrohungen und Beleidigungen, seit einigen Jahren zu“, sagt Hamdad. 

Rubriklistenbild: © Carsten Rehder/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.