Polizisten werden immer häufiger im Dienst beleidigt und auch verletzt

Gewalt gegen Polizisten gehört zum Alltag

Kassel. Jedem Polizisten ist klar, dass er in seinem Beruf mit Gewalt konfrontiert sein wird. Tag für Tag greifen Beamte bei häuslicher Gewalt, Prügeleien und anderen Gewalttaten ein. Immer häufiger werden Polizisten aber auch selbst angegriffen. Dabei hat die Brutalität der Täter zugenommen.

An die Beschimpfung als „Bullen“ haben sich die meisten Polizisten längst gewöhnt. In ihrem Berufsalltag erfahren sie Beleidigungen und Angriffe ganz anderen Kalibers. Dabei werden immer wieder auch Beamten verletzt. Es handele sich dabei nicht um Einzelfälle, sagte Eckhard Sauer, Chef des Polizeipräsidiums Nordhessen, gestern bei einer Pressekonferenz der Polizeigewerkschaft GdP. „Es gibt auch in Nordhessen täglich Einsätze, bei denen Beamte beleidigt, bespuckt oder angegriffen werden“, sagt Sauer.

Eckhard Sauer

Besonders betroffen sei der Streifendienst, die meisten Fälle passierten dabei nachts und am Wochenende. „Die Großeinsätze bei randalierenden Fans in Fußballstadien sind vielleicht plakativer, am stärksten gefährdet ist aber der normale Streifenbeamte“, sagte der Polizeipräsident. Die Täter seien meist männlich und alkoholisiert.

Manche Beamten fühlten sich inzwischen eher als „Prügelknaben der Nation“ statt als der berühmte Freund und Helfer, sagte Jörg Bruchmüller, Vorsitzender der GdP Hessen.

Neben dem Paragrafen 113 des Strafgesetzbuchs, der Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte unter Strafe stellt, fordert die Polizei auch einen Schutzparagrafen für Polizisten. Gewalt passiere längst nicht nur bei sogenannten Vollstreckungshandlungen, zum Beispiel Festnahmen. Unvermittelte Angriffe, wie sie im Alltag immer häufiger vorkämen, fallen aber nicht unter den Paragrafen 113.

Im Jahr 2011 wurden in der Stadt Kassel 102 Fälle von Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte registriert, im Landkreis 20 Fälle.

Attacke auf die Augen mit aggressivem Spray

Einer der jüngsten Fälle, bei denen ein Polizist angegriffen wurde, hat sich vor fünf Wochen in Bettenhausen ereignet. Markus Krämer (Name geändert) und sein Kollege wollten nachts in Bettenhausen einen Mann kontrollieren, den sie als Tatverdächtigen eines Tankstellenraubs identifiziert hatten. Bei der Kontrolle zog der Mann die Jacke hoch, sodass eine Schusswaffe im Hosenbund zum Vorschein kam. Markus Krämer griff sofort danach, um den Verdächtigen zu entwaffnen. Währenddessen sprüht ihm der aber mit der anderen Hand eine hochaggressives Pfefferspray ins Gesicht. Er übergibt sich dreimal und hat stundenlange Hustenattacken, schildert der 31-Jährige. Bis heute liege ein milchiger Schleier auf seinen Augen. Er habe kurz darauf versucht, wieder eine Schicht zu übernehmen. „Aber es ging nicht.“ Die Routine, die Lässigkeit sei verflogen. Stattdessen beherrsche ihn der Gedanke, dass so etwas jederzeit wieder passieren könnte. Dass das nächste Mal ein Täter schießen könnte. „Meine Frau ist im achten Monat schwanger und wir haben einen kleinen Sohn“, sagt Krämer. „So was geht einem dann im Kopf rum.“

Er sah direkt in die Pistole

Gewalt hat Thorsten Klug in seiner Laufbahn bei der Polizei immer wieder erfahren. 1987 wurde er bei den Protesten an der Startbahn West des Frankfurter Flughafens am Bein von einer Kugel getroffen. Zwei Kollegen wurden an diesem Tag von Demonstranten erschossen. Später war Klug 14 Jahre in Frankfurt eingesetzt. In dieser Zeit sei er 24-mal verletzt worden - das Spektrum reichte von einem überdrehten Daumen bei einer Festnahme bis zu einer Attacke mit einem Baseballschläger. Heute arbeitet der 46-Jährige bei der Operativen Einheit in Kassel. Zuletzt blickte er bei einem Einsatz am Warteberg in die Mündung einer Pistole. Zum Glück war es eine Softairwaffe. Als der Täter sie abdrückte, wusste Klug das aber noch nicht.

Tritte gegen den Kopf

Karl Justus hat 2009 mehrere Brüche im Gesicht erlitten, als ihn bei einer Kirmes in Dittershausen (Schwalmstadt) ein Jugendlicher aus der rechten Szene mit voller Wucht vor den Kopf trat. Damals waren er und seine Kollegen der Schwalmstädter Polizei zu einer Schlägerei bei der Kirmes gerufen worden. Seine Knochen sind wieder heil, äußerlich ist dem 49-Jährigen nichts mehr anzumerken. Er sei aber heute viel vorsichtiger im Streifendienst, sagt Justus. „Man weiß nie, an wen man da gerät.“ Und wenn man Gewalttätern gegenüberstehe, könne die Polizei ja nicht weggehen. „Wir müssen etwas tun.“ Den Glauben, dass die Uniform einen Schutz bedeute, habe er verloren. Immer häufiger sähen er und seine Kollegen sich mit Respektlosigkeiten konfrontiert.

Von Katja Rudolph

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